Jahrgang 
1855
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Von Adolf Stahr. 7

ſeht, bin ich in der Piana von Calabrien geboren am dieſſeitigen Meer in der Stadt Caſaliechiv. Aber ich bin freilich frühe weggekommen aus meinem Heimatlande. Ich war noch ein Knabe von etwa zehn bis zwölf Jahren als das große Erdbeben die Piana von Calabrien durch Gottes Zorn heim⸗ ſuchte und faſt alle ihre Städte und Flecken zerſtörte. Es iſt nun ſchon über die ſechzig Jahre her, aber ich weiß es noch wie heute, daß es ein Mitt⸗ woch war im Februarmonat, wo das Unglück geſchah, und obſchon es keine zwei Minuten dauerte, ſo war es doch genug, um ſo viel Unheil anzurichten, als in ebenſoviel Jahren in der ganzen Chriſtenheit nur irgend vorkommen mag. Das Governo zu Neapel hat nachher alles zählen laſſen, und da iſt es denn bekannt geworden und Ihr könnt es noch in Schriften leſen, daß in den zwei Minuten an die hundertneun Städte und Flecken in der Piana zu Grunde gingen, und über zweiunddreißig tauſend Chriſtenſeelen dabei ums Leben kamen von allem Alter und Geſchlecht, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ja von den Reichen und Vornehmen noch mehr als von den Armen, weil ſie nicht ſo ſchnell aus ihren großen Häuſern hinaus konnten und auch wohl nach dem und jenem Stück Habe griffen, ſtatt hinauszuſtür⸗ zen beim erſten Stoße des Unheils. Mir kamen dabei Vater und Mutter, Bruder und Schwager um, ja meine ganze Verwandtſchaft, bis auf eine einzige Couſine, die etwas jünger war als ich und mit mir noch lebend, aber faſt verſchmachtet unter den Trümmern unſeres Hauſes hervorgezogen wurde. Ein Bruder meiner Mutter, der einzige, den ſie hatte, war nach Caſalicchio gekommen, als er von dem Unglück erfahren hatte. Er wohnte viele Meilen weit von unſerem Orte, in Policaſtro, jenſeits von Salerno, wohin er uns arme verwaiste Kinder mit ſich nahm.

Da wuchſen wir denn beide auf, ich und die Carmela, im Hauſe dieſes mütterlichen Oheims, der Don Gaetano Velasco hieß und ein angeſehener Mann war in Policaſtro. Denn er fuhr mit zwei eigenen großen Barken zwiſchen Salerno und Neapel für Kaufleute mit Waaren, und hatte dabei ein ſchönes Haus mit Baumgärten und Weinbergen, und die Maccaroni von Amalfi fehlten niemals auf unſerem Tiſche. Dazu war er ein ſtattlicher Mann, ſo ſtolz und ſtattlich, wie Ihr nur je einen ſehen könnt, faſt eines Hauptes größer als die andern, kraftvoll wie ein Herkules, und der verſuch⸗ teſte Seekapitän auf viele Meilen weit an der Küſte. Geld hatte er auch genug und die Armen wußten davon zu ſagen, wie ers verwandte, und wir beide, ich und die Carmela, auch. Denn er hielt uns, die wir alles verloren