Von Adolf Stahr. 5
der Felſenküſte zu, an deren Abhange ſüdlich von Sorrent und von ihm ge⸗ trennt durch einen breiten Gebirgsrücken das von mir genannte Städtchen inmitten ſeiner Orangenpflanzungen und Wein⸗ und Feigengärten zu uns niederleuchtete. Wir landeten an der kleinen Hafenbucht, ſtiegen die ſteilen, hier und da getreppten Gaſſen aufwärts und gelangten bald zu einem der Maſſarien genannten Baumgärten, unweit des Franziskanerkloſters und der Kirche der heiligen Madonna von Maſſa, der einem guten Bekanuten Vin⸗ cenzos gehörte. Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen wir an dem rohen Holz⸗ tiſche, den ich an einen freien Platz, hart an dem Felsabhange des Gartens hatte hintragen laſſen, von dem man die herrlichſte Fernſchau über das Meer genoß, und ſprachen den in der That vortrefflichen Maccaroni von Amalfi und dem feurigen Weine wacker zu, den ich mit Schneewaſſer küh⸗ lend vermiſchte, während ihn der alte Vincenzo ungemiſcht trank. An Waſſermelonen, Orangen, Trauben und Feigen zum Nachtiſch fehlte es gleichfalls nicht; und als ich mein Cigarrenetui, das Dank der Vorſorge eines Freundes mit ächten palermitaniſchen Cigarven wohlgefüllt war, her⸗ ausgenommen und dem alten Vincenzo, der es mit ſehnſüchtigen Blicken betrachtete, gleichfalls einen der von ihm heißgeliebten Dampfſtengel gereicht hatte, ſchien mir der Zeitpunkt gekommen, wo ich mit Erfolg meinen Angriff auf ihn erneuern konnte. Ich ließ eine neue Bottiglie für ihn und einen Becher gekörnter Eislimonade für mich bringen, ſchenkte ihm ein, gab ihm Feuer für ſeine Cigarre, ſprach ihm von einer baldigen Fahrt nach Crape, wie die Eingebornen Capri nennen, die ich mit Landsleuten veranſtalten wollte, um ihm einen längſtverſprochenen außerordentlichen Verdienſt zu⸗ zuwenden— kurz ich that mein Beſtes, um ihn in gute Laune zu verſetzen und ſein Herz zur Mittheilung geneigt zu machen. Aber war es, daß er meine Abſicht durchſchaute und daß er ſich vor ſeiner eigenen Offenheit fürch⸗ tete— genug, es gelang mir nicht, ihn zu ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit zu ſtimmen.
„Vincenzo,“ ſagte ich endlich,„ich habe Euch jetzt Euren Willen ge⸗ than, ich bin nicht nach Tordika mit Euch gegangen und Ihr braucht heut Abend nicht ſtundenlang zu rudern. Jetzt ſagt mir aber auch, was iſt das mit Eurer Verwandten dort? Warum wolltet Ihr gerade heute mich nicht zu ihr bringen, und für weſſen arme Seele hat ſie heute ſo eifrig zu beten, daß ſie nicht Zeit hat, zwei gute Chriſten und darunter einen alten Ver⸗ wandten zu ſehen und ein Wort mit ihnen zu reden?“


