Von Adolf Stahr. 3
Mürat,“ der lebte und leben ließ, und den armen Leuten etwas zu verdienen gab,—„mehr Dukaten als heutzutage Carlini,“ und der ihnen obenein Gerechtigkeit zu Theil werden ließ, ſelbſt wider die Reichſten und Mächtig⸗ ſten im Lande.
Vincenzo Apre hatte aber nicht bloß unter König Mürat gedient, er hatte auch die Tage König Fernandos und der Königin Caroline geſehen. Er hatte Nelſon und Lady Hamilton gekannt und die Helden der neapolitaniſchen Republik von 1799; und mein hiſtoriſches Romangemälde,„die Republi⸗ kaner in Neapel,“ zu dem ich während meines Aufenthaltes in Sorrent die Studien machte, verdankt manchen Farbenſtrich und manchen charakteriſti⸗ ſchen Zug den Mittheilungen des alten Marinaren, deſſen Boot mich ein paar Monate lang alltäglich weit hinaustrug in die blaue Flut des Golfes zum erfriſchenden Meerbade, oder zu den entzückenden Küſtenbuchten längs dem gottgeliebten Piano di Sorrento, von deſſen felſigen Uferhöhen der Duft der Orangengärten Herz und Sinne labend über das Meer hintitterte.
Es war ein wundervoller Spätnachmittag, als wir gegen Capri zu auf die Höhe des Golfes hinausſteuerten, wo ich mein Bad in offener See zu nehmen pflegte. Ein furchtbares Gewitter mit ſchmetternden Schlägen und ſtrahlenförmig niederpraſſelnden Regengüſſen hatte am Vormittage die dampfende Scirvecohitze eine wenig gekühlt und von Meer und Land und Gebirgen den bleigrauen Schleier der trüben Luft hinweggenommen, daß alles wieder lachte und ſtrahlte in der ſonnengoldnen Bläue des Himmels, und die Rauchſäule des Veſuvs, die an den beiden vergangenen Tagen wie eine graue Rieſenſchlange ſich den Bergkegel hinabwand, kerzengrade hinaufſtieg in die lichte Himmelswölbung. Mit Entzücken genoß ich dabei die Wonne des Meerbades, von deſſen ſanftgewölbtem Wogengange ich mich ſchwimmend auf⸗ und niederſchaukeln ließ. Als ich mit Hülfe der kleinen Scaletta, die der Alte, wie er ſagte, eigends für mich von einem Milordo ingleſe erſtan⸗ den hatte, in das Boot zurückgeſtiegen war und mich angekleidet hatte, fragte er, wie gewöhnlich:„wohin befehlt Ihr jetzt, Ercellenza?“
„Wir wollen heut nach Tordika,“ erwiderte ich,„Eure Verwandte zu beſuchen. Ihr habt mir ja geſagt,“ fuhr ich fort, als ich bemerkte, daß ſein Geſicht, das ſonſt meiſt heiter blickte, ſich verfinſterte,„daß Euch dort eine Cugina lebt, und zwar die einzige Verwandte, die Ihr in dieſer Gegend habt, und ich bin neugierig, ſie kennen zu lernen.“
„Aber Ercellenza, es iſt eine arme alte Frau, ſehr arm und ſehr alt,


