2 Der ſchwarze Annibale.
nur ſein Haar und ſeine etwas gebückte Haltung verriethen den Siebziger, der er war, während die Raſchheit und Behendigkeit ſeiner Bewegungen, wie er jetzt das kleine Boot ins Waſſer ſtieß, dann über Bord hineinkletterte, und nachdem er es mit ein paar kräftigen Ruderſchlägen aus der Felſen⸗ bucht geführt, raſch das kleine dreieckige Segel aufzog, dem jüngſten Mari⸗ naro von Sorrent Ehre gemacht haben würden. Dafür war er aber auch Seemann geweſen von Kindesbeinen an und hatte auf dem Meere ſeit ſechzig Jahren mehr erlebt als irgend ein Schiffer von Sorrent, und mehr durch⸗ und mitgemacht als er trotz ſeiner Redſeligkeit zu erzählen für gut fand. Mein Nachbar, der alte Speziale Don Gabriele di Mauro, hatte ſogar ein⸗ mal Abends, als ich in ſeiner Apotheke mit ihm bei einem Glaſe Roſoglio plauderte, die Bemerkung fallen laſſen, daß Vincenzo Apre nicht immer das einfache und unſchuldige Schifferhandwerk getrieben, ſondern in ſeiner Jugend mit dem berüchtigten Korſaren Barbara manche gute Fahrt und manchen ſchlimmen Streich getheilt in den Zeiten, in welchen ſie da drüben in der Hauptſtadt den König Ferdinando verjagt hatten und mit den Franceſi Re⸗ publik ſpielten. Das ſei freilich lange her, ſetzte der Alte hinzu, und es ſei auch wahr, daß Vincenzo ſeitdem ſchon ein Menſchenalter lang und darüber ruhig in Sorrent gelebt habe, obſchon er daſelbſt nicht eigentlich gebürtig war und auch niemand recht wußte, von wannen er gekommen. Aber er⸗ lebt habe er viel und könne manches berichten aus alten Zeiten, Gutes und Schlimmes.
Und ſo war es in der That. Vincenzo Apre war für mich die lebendige Chronik der letzren beiden Menſchenalter neapolitaniſcher Geſchichten, ſeit ein glücklicher Zufall mir den Alten zugeführt und mein herzliches Benehmen gegen ihn, verbunden mit manchem Beweiſe wohlangebrachter Freigebigkeit mir ſein Vertrauen erworben hatten. Zwar von ſeinem Korſarenleben in der Jugendzeit unter Kapitän Barbara mochte er niemals reden. Nur das gab er zu, daß er den Capitano gekannt habe; aber die Art, wie er ſeiner erwähnte, war keine freundliche. Denn Barbara hatte den König Givacchino, der ihn ehrlich gemacht und in Dienſt genommen auf ſeiner Flotte, zum Dank dafür verrathen in der letzten Todesnoth, und hatte ſeinen Herrn, der ihm einſt das Leben geſchenkt und ihn ſpäter mit Würden begnadigt, in feiger Niedertracht verlaſſen, als ſein böſer Stern den vertriebenen König verleitet hatte, den bekannten Verſuch zur Wiedergewinnung ſeines Reichs zu machen. Der alte Vincenzo aber liebte noch immer den„braven König
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