Jahrgang 
1855
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Neapolitaniſche Erinnerungen. Von

Adolf Stahr.

Der ſchwarze Annibalt.

Die Barke iſt bereit, Excellenza, rief mir mein Marinar, der alte Vincenzo, entgegen, als ich die breite Felſentreppe hinunterſteigend, welche von der Stadt hoch oben zurMarina piccolo dem kleinern Hafen von Sorrent hinabführt, den Alten beim Namen rief, der behaglich auf einem der ans Land gezogenen Fiſcherboote ſaß, und ſich an einem großen Schnitte ſaftiger Waſſermelone erlabte. Er warf die Schale der Frucht, an der noch einige Reſte des roſenroth ſchimmernden Fleiſches hingen, fort, nachdem er mit der letzteren ein paarmal über das Geſicht gefahren war; und mit einem luſtigen:her un grano mangio, bevo, e mi lavo la faccia! (für einen Gran eſſe ich, trinke ich und waſche mir das Geſicht! ein Lieblingswort der Neapolitaner zum Lobe der bei ihnen ſo beliebten tühlenden, ſaftreichen Frucht, welche ihnen in der That zuweilen dieſen dreifachen Dienſt leiſtet;) erhob er ſich in der ihm eigenthümlichen Behendigkeit, die mit ſeinem weißen Haare wunderlich kontraſtirte, um mir beim Einſteigen in die kleine Barke die Hand zu bieten, obſchon er unſerem beiderſeitigen Alter nach wohl eher von mir ſolchen Dienſt hätte annehmen mögen. Es war ein prächtiger alter Burſche, mit ſeinem jugendlichen Greiſenkopfe und den klugen und doch gutmüthigen, hell⸗ grauen Augen in dem runzelvollen wettergebräunten Geſicht, deſſen Farbe mich immer an die der pompejaniſchen Weinkrüge erinnerte, welche ich erſt vor einigen Wochen in Pompeji in dem ſogenannten Hauſe des Diomedes geſehen hatte. Er war klein, von mittlerer Geſtalt, aber kräftig gebaut und

Hausblätter. Jahrg. 1855. III. Bd. 1