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476„ Dieſſeits und jenſeits der deutſchen Alpen.
können wir Sermione deutlich betrachten, und genau die Trümmer des Landhauſes Catulls erkennen; weht es nicht wie Liedergruß herüber? ſpricht es nicht wie in Geiſtertönen von Cäſar, Carolus Magnus und Friedrich dem zweiten Hohenſtaufen?— Dort im Südweſten liegt Deſen⸗ zano, tief in der Bucht links ſchimmert dann aus ſeinem Citronenwald Salo hervor, bald kommt Maderno, und wir haben die Hesperiden⸗Pflan⸗ zungen des Sees ſchon dicht vor uns. Zwiſchen und hinter langen Reihen von Marmorterraſſen ſtehen dicht gedrängt, bunt unter einander gemiſcht Orange und Citrone, Olive und Feige, Maulbeer und Rebe. Erſtere beiden haben jedoch auf dem weſtlichen Ufer entſchieden die Oberhand, der Ab⸗ ſtand des friſchen, hellen oder dunklen Grüns von den blendend weißen Marmorquadern iſt zauberiſch ſchön. Die Ebene hat ſich vom See zurück⸗ gezogen, auf beiden Seiten treten hohe, ſteile Berge beengend heran, die im Oſten in der Höhe kahl, am Fuße aber reich bepflanzt. Im Weſten ſteigen die Gärten hoch an den Abhang hinauf; bald ſenken ſie ſich ſchroff, keinen Pfad mehr geſtattend, in die Flut, bald geben ſie wieder blühenden, ſchmucken Städten und Dörfern Raum.
Die eigentlichen Perlen der Uferorte ſind Gargnano und Limone. Wie die aus ihrer faſt undurchdringlichen Wildniß von Limonen und Oliven einem in das Herz hineinſehen, daß man kaum das Gefühl bemeiſtern kann, welches uns lockt und treibt, hier zu bleiben, zu leben und zu ſterben! Aber auch Malſeſine mit ſeinem alten Schloß am öſtlichen Ufer, das Felſenneſt Tremoſine, von dem ein Waſſerfall niederbraust, ſind reizend gelegen. Ueberhaupt ſollte da ein Dorf, ein Landhaus, ein Schloß, ja die ärmſte Bauernhütte nicht glücklich ſein, wo ſie auf ſolchem Grund und Boden fußen?— Wir ſind ſchon lang gefahren; ſchauen wir rückwärts nach dem mehr und mehr entſchwindenden Süden, ſo zeigt ſich kein Land mehr, der See erſcheint geradezu meerartig. Die Berge werden höher, ſchroffer, ver⸗ engen das Seebecken mehr; hoch oben auf der weſtlichen Seite hat eine Straße die ſtarren Felſenmaſſen durchbrochen; Gallerieen, Terraſſen zeigen ſich in den kühnſten Geſtaltungen, es iſt die neue Straße, die Riva mit dem Ledrothal in Verbindung bringt. Sie verkündigt uns die Nähe Rivas, und wirklich, unſer Boot macht nur eine kleine Wendung, indem es die vorſpringenden Felſen ſicher umgeht, deren einer uns faſt an die Lorelei gemahnt,— und die weißen Strandgebäude von Riva winken uns aus der Ferne entgegen. Sie kommen näher, das Caſtell kündet uns die Exiſtenz


