474 Dieſſeits und jenſeits der deutſchen Alpen.
ihm iſt eine Mariä Himmelfahrt von Tizian. Wie die Jünger ſo trauernd und verwundert in das leere Grab ſchauen, wie die Jungfrau ſo ſelig, ver⸗ klärt zur Verklärung aufſchwebt! Die Baſilika San Zenone und San Ana⸗ ſtaſia dürfen auch mit gutem Recht in der Reihe der ſchönſten, würdevollſten italieniſchen Kirchen ſtehen.— Ueber die belebteſten Plätze, die Piazza d'herbe, wo Stadt und Land im bunteſten Marktgewühl ſich zuſammenfand, und die Piazza dei Signori, nebenbei auch die Monumente der Scaliger beſehend, nahten wir dem Ende unſerer Veroneſer Umſchau. Wie durfte ſie beſchloſſen werden, ohne daß ich wenigſtens Ein ſichtbares Zeichen aus dem„Märchen von Verona,“ eine einzige antike Illuſtration zu dem„Hohen⸗ lied der Liebe“ geſehen hätte. Am Sarge Julia's über den Untergang alles Süßen und Schönen traurige Betrachtungen anzuſtellen, dazu hatte ich keine Zeit mehr, alſo ließ ich den Sarkophag im alten Kloſtergarten des heiligen Franziskus unbeſucht und ging nur noch zu Juliettas Haus, an dem der zur Stunde noch da hängende rothe Hut der Capuletti es ſagt, daß man vor dem rechten ſtehe. Alles verfallen, wenn gleich bewohnt; es iſt ein Wirthshaus geworden; weiß Gott, was jetzt in dem Saale getrieben wird, wo einſt Romeo die Geliebte zum erſtenmal ſah. So hatte ich denn auch der Romantik mein Opfer gebracht, es war nun nur noch das für den Oberkellner in der colomba d'oro zu leiſten, und unſere Zeit für Verona war abgelaufen. Der Omnibus führte uns durch das großartige, mit ſeinen dicken Marmorſäulen aus dem Graben aufſteigende neue Thor nach dem Bahnhof der Porta nuova. Von dem hatten wir weiter zu reiſen, während wir geſtern an der Porta Vescova angekommen waren.
Der Zug, welcher uns zum letzten Abſchiedsblicke auf Verona's Herr⸗ lichkeit nöthigte, ließ lange auf ſich warten. Es wäre uns lieb geweſen, er hätte uns auch etwas langſamer durch dies Gartenland am Fuß der Alpen geführt; denn wenn uns auch der liebe Gardaſee nicht früh genug kommen konnte, ſo war doch Peſchiera recht gut zu erwarten, wo uns die freudige Ausſicht eines vielſtündigen Aufenthaltes lächelte. Und Peſchiera mag eine recht gute, tapfere Feſtung ſein, aber es iſt dabei ein ausgeſucht häßlicher, ſchmutziger, nicht die geringſte Annehmlichkeit bietender Ort, und wie klein! Kaum iſt man mit einem Fuß drinnen, ſo iſt man auch ſchon wieder mit dem an⸗ dern draußen! Genöthigt iſt niemand, das Innere der Feſtungswälle zu be⸗ treten, indem das reiſende Publikum in einem ſehr einfachen Gebäude am Ufer, beim Ausfluß des Mincio aus dem Gardaſee, Unterkommen und dürftige


