Jahrgang 
1855
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472 Dieſſeits und jenſeits der deutſchen Alpen.

Das war ſie alſo nun die muntere, vielgewanderte, vielbeſungene Adige, die wir zum erſtenmal zu ſehen das Vergnügen hatten, und welche nun bald auf einige Zeit unſere unzertrennliche Reiſegefährtin werden ſollte; denn von Verona bis zur Malſer Heide iſt ein ziemlich weiter Weg, und ſo lange, alſo faſt ihren ganzen Lebenslauf entlang, hatten wir es mit der Etſch zu thun. Sie durchſchneidet Verona in einem ſolchen Bogen, daß ſie faſt die größte Hälfte der Stadt in dieſe Biegung hineinnimmt; die Häuſer, welche man namentlich von einigen Brücken, wie von Ponte nuovo, in den Fluß gehen ſieht, ſind alterthümlich, und haben mich eigenthümlich an Venedig, aber auch ein wenig an das heimatliche Nürnberg erinnert. Durch die ſonntäglich belebten Straßen fanden wir uns auf die Piazza dei Signori, deren Marmorquadrat von merkwürdigen, mittelalterlichen Gebäuden um⸗ zogen iſt, worunter vor allen das Rathhaus ſich aushebt. Ein ſo buntes, tolles Treiben war hier freilich nicht um uns, wie es am Abend zuvor noch auf dem Marcusplatz uns umbrandet hatte; allein in und außer dem Kaffee⸗ hauſe, vor welchem wir Platz genommen hatten, ging es doch immer recht laut und lebhaft her; Fremde und Einheimiſche freuten ſich des lauen Sommerabends, ſogar für muſikaliſchen Genuß war geſorgt, indem Geſang und Harfenklang gegen oftmals herumgereichtes Notenblatt unbarmherzig neben uns erſcholl.

Am Morgen galt es noch einen größeren, umfaſſenderen Umlauf in Verona, denn hatten wir auch ſeine bedeutendſten Denkmale geſehen, ſo war uns doch noch viel und Schönes übrig. Darum boten wir der Arena den Morgengruß, wandten uns dann von der Piazza Bra die lange, breite Straße rechts hinauf, kamen dort an das alte Caſtell, einem tüchtigen Mauerwerk, wo eine Brücke mit weitgeſprengten Bogen und prächtiger Ausſicht über die Etſch geht, jetzt aber verſchloſſen war, ſahen auch den Palaſt Canoſſa, und gaben dann auch ein beſcheidenes unmaßgebliches Ur⸗ theil ab über die Porta Borſari oder den Triumphbogen des Kaiſers Gal⸗ lienus und ſeinen Urſprung, von welchem Bauwerk mit ſeinen zwei Arkaden und auf korinthiſchen Säulen ruhenden Giebeln die Gelehrten bekanntlich noch nicht recht wiſſen, ob ſie es beſagtem Kaiſer Gallienus zuſchreiben dürfen, oder ob es nur ein ſimples Thor der alten Stadtmauer iſt. Es wollte mir auch ein Nobile der Stadt Verona, der da herum dämmerte, lange und gelehrte Erklärungen machen, aber ich habe nicht viel davon ver⸗ ſtanden und alles wieder vergeſſen. Als die ſchönſte der über die Etſch