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Von Friedrich Lampert. 471
Gartens Ginſti! Wohin ſollten wir uns nun zunächſt wenden? Von einem Todten findet ſich leicht der Weg zu den andern; vom Amphitheater, dieſer großen Leiche der alten, geht man am beſten zum Campo Santo, dem Lei⸗ chenfeld der neuen Zeit; wenn man zuvor da geſtanden hat, wo einſt die treuen Bekenner des Chriſtenthums ein Schauſpiel nicht nur den Menſchen, ſondern auch„den Engeln“ waren, findet man das beſte Verſtändniß für den ſtillen Ort, wo alle den Schlaf des Friedens ſchlafen, welche ausge⸗ rungen und überwunden haben.
Der Friedhof von Verona gehört zu den ergreifendſten Kirchhofbil⸗ dern, die ich kenne. Ich wüßte ihm nichts an die Seite zu ſtellen. Ein langer Gang von Cypreſſen und Trauerweiden führt zu den vier großen, eiſernen Thoren des Cimitero. Man tritt in ein ungeheures Viereck ein, das eine doriſche Säulenhalle umzieht. An jeder Ecke erheben ſich hohe Kuppeln, unter welchen Altäre ſich befinden; den Thoren gegenüber baut ſich die große, in prachtvollem Stil gehaltene Grabeskirche auf, deren Por⸗ tal die Inſchrift: püs lacrymis trägt. In den Arkaden ſind die eigentlichen Grüfte; in goldenen Buchſtaben ſind auf den weißen Marmorplatten Namen auf Namen zu leſen, für uns ſo gleichgültig, für die, die ſie da hingeſchrie⸗ hen haben, ein Gegenſtand ſteten ſchmerzlichen Gedenkens. Auf dem von der Säulenhalle umſchloſſenen Raum, einem öden Grasplatze, reihen ſich Gräber an Gräber, ohne Kreuzes⸗ ohne jeglichen Blumenſchmuck. Nicht Eine Blume in dem ganzen weiten Todtenfeld, nur die nackte, kahle Erde. Von dem Verſöhnungshauch, der auf den Blumenhügeln des Frankfurter Friedhofs oder in den Leichenäckern von St. Peter in Salzburg weht, iſt hier nichts zu verſpüren; da tritt einem der Tod in ſeinem ganzen, ſtarren, unerbittlichen, ſtrengen Ernſte entgegen; es liegt eine Erhabenheit einziger Art auf dieſen Räumen, aber eine, die uns mit Schauer erfüllt. Und dieſes Gefühls kann man ſelbſt nicht beim Eintritt in die Grabeskirche los werden; das Halbdunkel, welches die weihrauchdurchdufteten Hallen um⸗ hüllte, die wenigen Kerzen, welche auf dem Altar brannten, die Mönche in der dunklen Ordenstracht, die trauernden Frauen, die hier und dort knieten, — das wirkte auch faſt beängſtigend, und trieb uns wieder hinaus an den friſchen Sonnenſchein, der eben in den letzten Gluten die hohen Chpreſſen⸗ wipfel umflimmerte.
Noch ſchöner aber ſpiegelte er ſich in den klaren, raſch dahinwogenden Fluten der Etſch, an deren Ufer wir vom Cimitero aus zurück gelangten.


