470 Dieſſeits und jenſeits der deutſchen Alpen.
wir hätten Verona vor Venedig ſehen ſollen, denn nach dieſem könne jenes unmöglich mehr gefallen. Das war nun wieder ſo ein überall Vergleichen⸗ wollen, und das gehört ſich eben einmal nicht, wenn man Genuß vom Reiſen haben will. Da muß man jedem gerecht werden. Und wem fiele das nicht leicht bei dieſem reichen, mächtigen Verona mit dem wunderbaren Gemiſch von Alterthum, Mittelalter und Gegenwart, das es in Straßen und Gebäuden zur Schau trägt, mit dem zauberiſchen Reize einer ſich über⸗ all dicht an die Stadt heran und in ſie hinein drängenden lachenden Natur, mit den gewaltigen Erinnerungen, die, Geiſt und Herz nach allen Seiten anregend, hier unwiderſtehlich auf uns einſtürmen! Nein, man mag kommen, woher man will, Verona zum Willkomm oder Abſchied Ita⸗ liens nehmen, man muß es bewundern, liebgewinnen.
Unſere erſten Schritte— und darin wird es uns wohl jedermann nachthun,— lenkten ſich natürlich zu Veronas größtem, denkwürdigſtem Monument, zum Amphitheater. Wie ſteht der Rieſenbau ſo koloſſal und majeſtätiſch da, ſo mächtig und in unerreichbarer Größe ſich abhebend von den ihn umgebenden Schöpfungen einer ſpätern Zeit, ſo unverſtanden, ſeiner Iſolirtheit bewußt, auf ein ſo ganz anders gewordenes Geſchlecht herabſehend. Es mag von ergreifendem Eindruck ſein und zu den ernſteſten Betrachtungen führen, allein und von niemand geſtört, an dieſer Stätte längſt erſtorbenen Lebens zu weilen, die Schatten einer großen Vergangenheit an ſich vorüberziehen zu laſſen,— aber es hat gewiß auch ſein Eigenthüm⸗ liches, dieſen ungeheuren Raum belebt zu ſehen, wenn gleich hunderte von Menſchen hier faſt dem Auge noch entſchwinden. So fanden wir's; in Mitte der Arena war eine luftige Sommerbühne aufgeſchlagen, um drei Kreuzer bekam man Eintritt; das Stück hatte ſchon begonnen und ſchien in der erſten Scene gleich einen ſehr langweiligen Verlauf nehmen zu wollen— und auf den Marmorſtufen, wo ſonſt das alte Volk den blutigen Scenen frohlockend zuſah, die da drunten auf dem gerötheten Sande abgeſpielt wurden, ſaß nun das junge zahme Italien, begnügte ſich mit ſehr wenig Aufregung und klatſchte anſtatt den Gladiatoren einem im ſpaniſchen Coſtum ſteckenden, auf und ab polternden Liebhaber und einer ſteifen, häß⸗ lichen Primadonna zu.— Wie lag, als wir auf der oberſten Stufe der Arena herumgingen, die Stadt ſo ſchön und lieblich vor uns ausgebreitet, wie glänzte das Silberband der Etſch, wie ſchaute ſo trotzig das Caſtell dort herab, wie grünten da drüben ſo friſch und lockend die Cypreſſen des


