Jahrgang 
1855
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464 Pariſer Atelierbeſuche.

gewieſen worden, und dieſer Umſtand hat dem Künſtler ein Märthrerbe⸗ wufßtſein gegeben, das nicht geeignet ſein dürfte, ihn auf einen beſſeren Weg zu leiten. Indeſſen muß ich hinzufügen, daß Courbet dennoch ein ſehr begabter Künſtler iſt, daß mehrere Landſchaften von ihm ſehr ſchön und wahr ſind und in ihren Motiven kein Streben nach Häßlichkeit verrathen. Seine Figurenbilder zeigen in ihrem Genre eine gewiſſe, nicht abzuleugnende Verwandtſchaft mit den Figuren von Bettlern, welche ich von Velasquez im Muſeum von Madrid geſehen habe, und ſchon der Vergleich mit dieſem großen Meiſter mag beweiſen, daß Courbet ein höchſt bedeutendes maleri⸗ ſches Talent beſitzt. Zugleich liefert er den Beweis, daß Originalitäten in unſerer Zeit nicht ſo ſelten ſind, wie man glaubt, und daß in der Kunſt die Individualität immer mehr an die Stelle der Schule tritt.

Wieder eine ganz andere Richtung vertritt der Belgier Willems, in deſſen Atelier ich mehrere Bilder ſah, die zu den Perlen der Ausſtellung gehören werden. Dieſer Künſtler legt auf die Wahl des Gegenſtandes kein eigentliches Gewicht, macht alſo wie die alten Holländer, wie Terburg etwa, aus dem einfachſten Gegenſtande das vollendetſte Bild. Seine Bilder ſind daher faſt den beſten alten an die Seite zu ſtellen, ohne daß man bei ihm, wie das doch bei den gewöhnlichen belgiſchen Künſtlern unſerer Tage leider meiſt der Fall iſt, von bloßer Nachahmung reden könnte. Die Mittel, deren ſich Willems zur Erreichung ſeines Zweckes bedient, ſind ſehr einfach, aber ſo verdeckt, daß es genußreich und belehrend ſſt, ihnen nachzuforſchen. Das eine ſeiner neuen Bilder zeigt uns zwei Damen in einem Kaufmannsladen des ſiebenzehnten Jahrhunderts, vor denen ſchöne ſeidene Stoffe ausgebrei⸗ tet liegen. Die eine der Damen ſitzt vor der Ladendecke auf einem Stuhl, hinter dem ein ſchöner Cavalier ſteht, der den Stoffen wenig Aufmerkſam⸗ keit ſchenkt; der andern Dame, welche mit dem Kaufmann im Geſpräch begriffen iſt, präſentirt ein Diener einen Stuhl, während ein anderer im Hintergrunde Waaren hervorlangt. Die Handlung iſt ebenſo einfach wie lebensvoll dargeſtellt, aus dem Laden iſt keine Plunderbude gemacht, die ausgebreiteten Stoffe ſind in Mäßigkeit und gebührender Unterordnung angebracht. Aber alles in dem Bilde iſt vollendet. Nichts kleinlich und penibel ausgeführt, wie etwa in Meierheims Bildern, und man begreift es, daß die Kunſtliebhaber die Arbeiten dieſes Meiſters mit Gold aufwiegen. Ein anderes Bild zeigt einfach nur eine Dame, die ſich im Spiegel betrach⸗ tend ihr Haar ordnet. Obſchon man die Figur nur von der Rückſeite ſieht,