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Aus den Briefen eines Künſtlers. 463
laſſen. Denn das eben iſt das Weſentliche in der neuern Kunſt, daß durch die Leichtigkeit des Reiſeverkehrs überall ein naturtreuer Realismus an die Stelle der früheren konventionellen Weiſe getreten iſt. Glehre ſtellt keine Bilder mehr aus. Er iſt eine Künſtlernatur, die ſich eigentlich in der Gegenwart unbehaglich fühlt. Er hat keinen eigentlichen Glauben an die Gegenwart und nächſte Zukunft aller Kunſtproduktionen, und betrachtet den einzelnen Künſtler eben nur wie einen Gärtner, dem die Pflicht obliegt, den Samen der Kunſt für andere günſtigere Zeiten aufzubewahren.
Ein Künſtler von ganz entgegengeſetzter Natur, welcher der Kunſt nur das Recht zuſchreibt, die umgebende unmittelbare Natur und Wirklichkeit in ihrer ganzen Derbheit treulich darzuſtellen, iſt Courbet, welcher in den letzten Jahren eben durch die kraſſe Excentricität ſeiner Kunſtanſchauung viel Aufſehen erregt hat. Courbet weiß ſich etwas damit ein Landsmann des berühmten Socialiſten Proudhon zu ſein, und nimmt auch gern für ſich den Titel eines ſocialiſtiſchen Malers in Anſpruch. Sein erſtes großes Bild, welches er im Salon von 1849 ausſtellte, betitelt ein Dejeunée zu Ornans, ſeiner Vaterſtadt, erregte allgemeines Aufſehen durch die ergrei⸗ fende Wahrheit, wie durch die breite körperliche Auffaſſung; und zwar mit vollem Recht, da hier die tiefe Realität auch der Poeſie nicht entbehrt und ſomit dem Bilde, das drei Perſonen in Lebensgröße in gemüthlicher Unter⸗ haltung an einem Tiſche ſitzend, zeigte, den Stempel einer intimen Familien⸗ ſchilderung aufdrückte, wie män ihr wohl in einigen Chamiſſo'ſchen Gedichten begegnet. Seit dieſem ſeinem erſten Auftreten iſt Courbet jedoch nach und nach immer weiter und weiter in die Darſtellungen der trivialen Natur her⸗ abgeſunken, ſo daß man ihm kaum noch mit Grund widerſprechen kann, wenn er von ſich behauptet, er ſuche in der Natur nur le crapuleux. Ein Bild, welches er für die große Ausſtellung geliefert hat, kann dafür einen ſprechenden Beweis geben. Es ſtellt nichts mehr und nichts minder dar als— zwei Chauſſee⸗Arbeiter in Lebensgröße. Allein abgeſehen davon, daß die Kerle nur ſo thun, als ob ſie klopfen, und daß die dargeſtellte Handlung alſo ſelbſt ohne alle Energie iſt, ſo fragt ſich doch am Ende, was denn damit gethan iſt, wenn geflickte Jacken und ſchmutzige Hoſen ſammt Chauſſeeſtaub und Zubehör mit vollkommenſter Naturtreue dargeſtellt wer⸗ den?— Ein anderes großes Bild, ein Begräbniß zu Ornans, welches bereits die Reiſe nach Frankfurt und München gemacht und dabei ganz wider⸗ ſprechende Beurtheilungen erfahren hat, iſt von der Pariſer Jurh zurück⸗


