Jahrgang 
1855
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462 Pariſer Atelierbeſuche.

Herrn Glehre, gebürtig aus der franzöſiſchen Schweiz, fand ich mit mannigfaltigen und in der Erfindung ſehr geiſtreichen Bildern beſchäftigt. Glehre iſt der Chef einer eigenen kleinen Schule, die durch ihren antiken Geiſt und die genaue archäologiſche Kenntniß des Alterthums von den Kritikern die neuhelleniſtiſche genannt worden iſt. In der Zeichnung ſehr fein empfunden, in der Farbe nicht koloriſtiſch und realiſtiſch, jedoch harmoniſch und nach Flächen modellirt, zeigen die Bilder dieſer Schule vorzüglich ein Streben nach Eigenthümlichkeit des Gegenſtandes, und opfern alles auf, um die Idee deſſelben klar auszuſprechen. Der Ausdruck der Charaktere und die Bewegungen der Figuren ſind auf's Naivſte der Natur abgelauſcht. Glehre hat ſich vor etwa zwölf Jahren längere Zeit in Grie⸗ chenland, Kleinaſien und Indien aufgehalten, ſo daß es ihm, inſpirirt durch die lebendige Anſchaung dieſer ſchönen Natur, leicht geworden iſt, das kon⸗ ventionell Antike in ſeinen Darſtellungen antiker Gegenſtände zu überwinden. In einem ſeiner Bilder verſetzt er uns in den hohen dunkelblauen Aether des Südens, wo die drei Parzen thronen, von denen die mittlere ſo eben im Begriff iſt, den Lebensfaden einer Neuvermählten abzuſchneiden. Dies ſagt uns der junge Amor, der ſich auf die Fußſpitzen geſtellt hat, um mit der einen Hand heranreichen zu können an das Kinn der ſtrengen Göttin, das er ſchmeichelnd zu ſtreichen ſucht, während er mit der andern Hand ihr den Myrthenkranz ſeiner Klientin hinhält. Dieſe Bewegung des Bittenden iſt reizend dargeſtellt. Der Beſchauer fühlt, daß der Beſchluß der Parze aufgeſchoben werden wird. Ein anderes Bild, betitelt'amour lascif, zeigt eine Bacchantin auf einem Ziegenbock reitend, geführt von einem ſchelmi⸗ ſchen Faunenkinde, das ſeine Freude über einen davonfliegenden Amor hat, welcher ſeine Fackel auslöſcht und mit den Händen das Geſicht verhüllt, weil ihm der Sieg über die ſchöne Bacchantin nicht gelungen. Ein drittes Bild, eine Landſchaft mit phantaſtiſchen Formen, verſetzt uns in die ſünd⸗ flutliche Urzeit. Im Hintergrunde ſieht man zwiſchen zwei Felſen die Arche Noas ſchweben; die Waſſer der Sündflut haben ſich zurückgezogen und der Stamm eines Oelbaums beginnt bereits wieder einige Sproſſen zu treiben. Zwei ausgeſendete Engel ſehen das erfreuliche Zeichen, daß bald die Thüre der Arche wieder aufgethan werden könne, um die Welt von neuem mit lebendigen Weſen zu bevölkern. Man ſieht es der Landſchaft an, daß ſich der Künſtler zu den phantaſtiſchen Formen derſelben durch den Anblick der wilden Gebirgszüge an den Katarakten des Nil in Nubien hat inſpiriren

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