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Aus den Briefen eines Künſtlers. 465
ſo iſt ſie doch von einer ſolchen Schönheit, daß man wünſchen müßte, ſie möchte ſich umdrehen, wenn nicht der Spiegel ſchon ihr Antlitz ſehen ließe. Willems, der vor zwei Jahren in Folge ſeiner ausgeſtellten Bilder dekorirt wurde, gilt ſeitdem mit Recht als der vollendetſte Maler ſeines Genres, und es iſt kein ungünſtiges Omen, daß der noch junge, ſehr ſchöne Mann in ſeinen Geſichtszügen auffallende Aehnlichkeit mit Rubens hat.
Wandern wir jetzt noch durch die Ateliers einiger deutſcher Künſtler, die ſich ſeit längerer Zeit in Paris aufhalten, um von der Fülle aller der Mittel zu profitiren, welche dieſe Weltſtadt für die künſtleriſche Ausbildung darbietet. Da iſt zunächſt der Maler Henneberg aus Braunſchweig. Begabt mit entſchiedenem Talent für die lebhaft bewegte Natur, ſucht er eben deßhalb die Motive zu ſeinen Bildern am liebſten im Getümmel von Roſſen und Reitern. Ich fand ihn arbeitend an einem großen Bilde,„die wilde Jagd.“ Es iſt nicht etwa die wilde Jagd der Ballade gemeint, viel⸗ mehr hat ſeine realiſtiſche Natur den Künſtler darauf geleitet, einen großen Jagdzug im Coſtum des vierzehnten Jahrhunderts darzuſtellen, der über Berg und Thal dahin braust, einem fliehenden Hirſche nachzujagen, welcher ſoeben durch ein reifendes Getreidefeld flieht. Vergebens werfen ſich arme Bauern mit verzweiflungsvollem Flehen um Schonung ihrer Ernte dem Zuge entgegen; was gilt der Jammerſchrei niederer Knechte, dieſen von Jagdluſt entflammten ſtolzen, fürſtlichen Reitern! Die wilden Gruppen der Jäger,— auch ſchöne Amazonen befinden ſich unter ihnen,— ſind von höchſt lebensvoller und charakteriſtiſcher Zeichnung, der Effekt und die Farbe phan⸗ taſtiſch, die Wirklichkeit energiſch, aber nicht kleinlich nachgeahmt. Das Format des Bildes iſt lang und niedrig. Entſpricht die vollendete Durch⸗ führung der glücklichen Erfindung, ſo wird das Werk nicht verfehlen, dem Künſtler einen verdienten Ruf zu erwerben.
Zwei vielverſprechende junge Künſtler ſind ferner die Brüder Louis und Guſtav Spangenberg aus Hamburg. Der erſtere hat ſich für ſeine Landſchaften beſonders die ſüdliche Natur Frankreichs gewählt. Ich fand in ſeinem Atelier eine ſveben vollendete, überaus heitere Landſchaft mit den graziöſen Bergformen der Küſten des mittelländiſchen Meeres im Hinter⸗ grunde, während überaus ſchön geformte Pinien den Vorgrund bilden. Ein Landmann ſucht mit ſeinem Eſelchen, das er vor ſich hertreibt, Ruhe in dem erquicklichen Schatten der Pinien. Die Farbe des Bildes iſt wahr und kräftig, und das Ganze ſehr körperlich und breit gemalt. Guſtav Span⸗
Hausblätter. Jahrg. 1855. II. Bd. 30


