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Am Genfer See.
einen der unterirdiſchen Gänge, von denen das ganze Schloß unterhöhlt iſt, nach jenem Abgrund führen wollte. Sie betraten das Schlafzimmer der Herzoginnen von Savohen in dem mittelſten Thurm der Fronte, deſſen Fenſter ſich auf den See und die Alpen öffnet. Die ſchöne Ausſicht entlockte ihnen einen Ausruf der Ueberraſchung.
„Sie vergeſſen den Boden, auf dem ſie ſtehen,“ ſagte ihr Mentor mit einem faſt ſtrafenden Blick.„Sie vergeſſen, daß unter dieſem Gemach ſich die Marterkammer befindet. Wahrlich, die hohen Damen müſſen einen feſten Schlaf gehabt haben, daß ſie das Aechzen der Gequälten nicht in ihren ſüßen Morgenträumen ſtörte. O, meine Damen, welche Nerven, wenn man ſich dieſe Schönen hier vor dieſem Fenſter denkt, der entzückenden Ausſicht ſich erfreuend, oder bei ihrer Toilette, ſich ſchmückend zu einem Feſte, wäh⸗ rend die Seufzer der Gemarterten zu ihnen herauftönen und der Schmerz unter ihren Füßen Thränen weint, koſtbarer und ſchimmernder als die Per⸗ len, die ſie eben in ihr Haar flechten!“
Verwirrt von der Fülle der geſchichtlichen Erinnerungen und erſchüt⸗ tert von dem nächtigen Gewande, in welches ſie ſich gehüllt zeigten, athmeten die Reiſenden erſt freier, als die Brücke des Schloſſes hinter ihnen lag. Schweigend legten ſie die kurze Strecke bis zum„Hotel Byron“ zurück.
Man beſchloß hier die Nacht zu bleiben, unter demſelben Dache, unter dem der Dichter ſeinen fauſtiſchen Manfred geſchrieben. Den folgenden Tag wollte man dann von dem nahen Villeneuve nach Hauſe zurückkehren.
Charles ließ die Tafel für die kleine Geſellſchaft auf der Terraſſe her⸗ richten und Champagner aufſetzen, um die letzten Schauer des dämoniſchen Schloſſes zu verſcheuchen. Der Wein, das Panorama, in ſeiner Schönheit ſo oft mit dem Golfe von Neapel verglichen, verfehlten ihre Wirkung nicht.
Kur Hedwig ſchien es nicht gelingen zu wollen, einen Anflug von Melan⸗ cholie von ſich abzuſtreifen.
Die Sonne begann hinter dem gradlinigen Rücken des Jura hinab⸗ zuſinken, ein roſiger Hauch ſchwebte über dem Waſſerſpiegel, das lichte Blau deſſelben verdunkelnd; violette Farben begannen hineinzuſpielen, und jede folgende Minute vertiefte ihre Schattirungen. Je mehr die Sonne ſank, deſto höher ſchwamm der röthliche Duft empor, die Städte, die weißen Häuſer auf den Höhen, die belaubten Höhen ſelbſt und die Felſen tauchten in ihm unter. Jetzt war die Sonne nur noch ſichtbar wie ein Stern, zitternd und flimmernd auf dem Scheitel des Gebirges. Die letzten goldenen Strah⸗


