Jahrgang 
1855
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Von Robert Schweichel. 253

man an dieſen feinen, unſichern Zügen die Hand einer Frau errathen. War ſie dem Steine nicht gewachſen, um ſo tiefer und kräftiger hat ſie ihren Namen in die Herzen der Menſchen einzuſchneiden gewußt, entgeg⸗ nete Adelaide.

Alfred wandte ſich mit einem Seufzer dem Ausgange zu.Was haben Sie? fragte Hedwig leiſe.O nichts! antwortete er.Es ſind Kinderträume.Kinder träumen von ihrer eigenen Zukunft, wie die Dichter von der Menſchheit. Dachten Sie an die Namen, die jene Säulen ſchmücken?

Ich dachte wie ein Mann, der ſich plötzlich den Phantaſieen ſeiner Knabenjahre gegenüber ſieht.Und warum ſoll der Mann nicht eines Tages auch ſeinen Namen dort niederſchreiben dürfen? flüſterte ſie. Ich verſichere Sie, es iſt eine Thorheit, Hedwig, ſprechen wir nicht mehr davon, ſagte er abbrechend.

14.

Die Frau des Kaſtellans, ebenſo eintönig in ihren Erklärungen, als geſchwätzig, ſobald ſich das Geſpräch auf andere Dinge wandte, und auf jeder Stufe verſichernd, daß ihr der Athem verſage, führte die Reiſen⸗ den jetzt durch die innern Räume des Schloſſes. Sie durchwanderten dieſe Zimmer mit ihren künſtlich geſchnitzten Holzdecken, in denen man einſt ſpeiste und richtete und die jetzt den Kanonen und Belagerungsgeſchützen des Kantons zur Wohnung dienen. Von den Porträts der Savoher Her⸗ zöge, deren düſtere, umheimliche Mienen dem Charakter des Schloſſes völlig entſprechen, gelangten ſie in ein enges Gemach. Die Führerin öffnete eine Fallthüre und die Geſellſchaft erblickte den Anfang einer ſteinernen Treppe, deren Stufen ſich in undurchdringlicher Finſterniß verloren.

Man hielt es nicht immer für nöthig, ein Urtheil zu fällen, berich⸗ tete ſie.Denjenigen, die man ſpurlos verſchwinden laſſen wollte, ſpiegelte man vor, daß man ihnen die Freiheit ſchenke, und ließ ſie hier hinabſteigen; dieſe Treppe ſollte angeblich in's Freie führen. Aber ſie zählt nur vier Stufen, und der betrogene Unglückliche ſtürzte von der letzten in die jähe Tiefe hinab, wo er an den ſpitzen Felſen zerſchmetterte. Noch heute iſt der Boden mit menſchlichen Gebeinen bedeckt.

Die Reiſenden bebten ſchaudernd zurück und eilten, den heimtückiſchen Ort zu verlaſſen, taub gegen den Vorſchlag der Kaſtellanin, die ſie durch