252 Am Genfer See.
Ein ſchmaler Felsrücken, den man durchſprengen mußte, um der Straße Raum zu ſchaffen, verläuft ſich hier in den See. Auf ſeiner äußer⸗ ſten, kaum über dem Waſſerſpiegel ſich erhebenden Spitze ſteht das kleine, trotzige Schloß. Von wem und wann es zuerſt erbaut wurde, weiß niemand zu ſagen; ſeine heutige, melancholiſche Geſtalt verdankt es dem Grafen Peter von Savohen. So düſter der Eindruck, den ſeine grauen, gethürmten Mauern erwecken, ſo unheimlich iſt auch die Rolle, die es in der Geſchichte ſpielt. Unter Ludwig dem Frommen betritt es zum erſtenmale die hiſtoriſche Bühne. Er ließ hier den Abt von Corbier einſperren, der ſeine Söhne gegen ihn aufwiegelte, und die Chronik nennt es„ein wohlbewahrtes Haus,“ in welchem man nur den Himmel, die Alpen und den Leman ſehen kann. Ein Geiſtlicher begann die bekannte Reihe ſeiner unglücklichen Bewohner und ein Geiſtlicher beſchloß ſie in unſern Tagen. Der Biſchof Marilleh von Freiburg war der letzte Gefangene, der ſeine Blicke mit einem hoffnungs⸗ loſen Seufzer auf die Inſchrift über der Eingangsthüre richtete:„Gott der Herr ſegne den Ein⸗ und Ausgang.“
Eine ſchmale Brücke verbindet den Felsblock des Schloſſes mit der Straße. Aus dem Feſtungsgraben, der dieſe Seite ſchützt, rankt üppiger Epheu zu den geſchwärzten Mauern und den Flankenthürmen empor. Ein niedriges, düſteres Thor führt in den äußern Hof, und hier ſtiegen die Wanderer eine enge ſteinerne Treppe zu den berüchtigten Gewölben hinab, in welchen perſönlicher Haß, Aberglaube und die Politik eines barbariſchen Zeitalters ihre Opfer verſchmachten ließen. Das Licht, nur durch einige ſchmale Oeffnungen eindringend, vermag nicht den länglichen Raum zu er⸗ hellen. Eine ewige, tiefe Dämmerung umſchwebt die römiſch byzantiniſchen Pfeiler, welche die gewölbte Decke tragen. Kein Ton belebt dieſé unheim⸗ lichen Schatten als das dumpfe Anſchlagen der Wellen an den Fels.
Das Genie Bhrons hat eine dieſer Säulen unſterblich im Gedichte gemacht, wie ſie es in der Geſchichte iſt. Sie iſt an dem Ringe kenntlich, an den Bonnivard gefeſſelt war, und an der tiefen Höhlung, welche die Schritte des Gefangenen in den ſteinernen Boden gegraben haben. Seitdem iſt dieſe Marterſäule des Genfer Freiheitshelden von Ehrfurcht und Mitleid in eine Gedächtnißtafel umgeſchaffen worden. Die Reiſenden laſen den Namen Bhrons, mit feſten Zügen in den Stein gegraben, von manchem andern nicht minder berühmten umgeben, darunter auch George Sand. „Wenn man George Sand nicht kennte,“ ſagte Charles,„ſo würde


