Jahrgang 
1855
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Von Robert Schweichel. 251

er den Menſchen aus dem bisherigen Zwange in die Natur führe, daß er ihm gewiſſermaßen ſeine Seele und die Berechtigung ihrer Leidenſchaft wiedergebe; aber er tadelte, daß dieſe Berechtigung nicht durchgeführt ſei und der Menſch, nachdem er einen Augenblick frei aufgeathmet habe, in dem härnen Gewande der Pflicht verkümmere.

Und wohin führt dieſes auf das Herkommen gegründete Pflicht⸗ gefühl? fuhr er fort.Es zerſtört das Lebensglück aller. Ach, gerade im Anblick vieſer paradieſiſchen Natur fühlt man ſich von doppeltem Be⸗ dauern über Juliens nutzloſe Aufopferung ergriffen. Wie glücklich hätte ſie hier in einem dieſer Landhäuſer mit ihrem St. Preur leben können! Wie doppelt glücklich würde hier nicht jedes liebende Paar ſich fühlen

Er war auf dem Gipfel der erſten Anhöhe ſtehen geblieben und deutete auf das ſchöne Panorama, welches ſich vor ihnen ausbreitete. Er ſchaute Hedwig mit lebhaften Blicken an, indem er ihren Arm, der leicht auf dem ſeinigen ruhte, inniger an ſeine Bruſt drückte. Sie erwachte aus dem Nach⸗ denken, in welches ſeine Worte ſie verſenkt hatten, und lächelte erröthend zu ihm auf.

Unter allen Gefühlen iſt gewiß keins ſo beſeligend, als das einer jungen Liebe, die ſich nicht auszuſprechen wagt. Eine ſtumme, ſanfte Macht läßt die Blicke ſich ſuchen und ſich finden, treibt die Eine ſich dem Andern ſo bewußtlos innig anzuſchmiegen und ruft auf beider Lippen daſſelbe ahnungsvolle Lächeln des Glückes. Das Herz ſchlägt ſo voll und doch ſo leicht, und ſogar der Gang, die ganze Bewegung des Körpers wird zu einem anmuthigen Schweben. Hedwigs kleiner Fuß ſchien kaum den Boden zu berühren und ſo oft ſie das Geſicht ihrem Begleiter zuwandte, erſchien es von wachſender Schönheit verklärt. Da war keine Täuſchung mehr vorhan⸗ den. Es war der Hauch des Glückes, der dieſe junge Menſchenblüthe von Minute zu Minute in reicherer Schönheit entfaltete.

Wie Pilger mit erhöhter Frömmigkeit die Stätten betreten, die durch das Leben des Erlöſers geweiht wurden, ſo verfolgten Alfred und Hedwig hier mit erhöhter Empfindung ihren Weg zwiſchen dieſen Villen und Gärten, an den Cascaden, die ſo klar und munter von den Bergen ſpringen und

an dem reizend gelegenen Dorfe Clarens vorüber. Der Boden, auf dem die Liebenden wandelten, war ja von demſelben Gefühle geheiligt, das ihre Bruſt durchwogte. Es war eine poetiſche Wallfahrt, auf der die Empfin⸗ dung die Gedanken überwältigte. So kamen ſie nach Chillon.