248 Am Genfer⸗ See.
„Die Tage deiner Gefangenſchaft gehen zu Ende, es iſt billig, daß man ſie feſtlich begräbt.“
„Hinaus denn mit allem, was noch an ſie erinnert!“ rief Moreau, riß das Fenſter auf und ließ die Arzneigläſer in den Hof hinaus ſpazieren. „Wie das klirrt,“ lachte er.„Jedes Glas, das da unten zertrümmert wird, nimmt einen Theil meiner Schuld von mir.“
Inzwiſchen hatte Adelaide die Bücher vom Tiſch geräumt und während Hedwig ein kleines Feuer im Kamin anzündete und den Theekeſſel darüber hängte, ein weißes Tuch übergebreitet und die Maſchine aufgeſtellt. Bald broddelte und ſang das Waſſer, der Tiſch war ſervirt und man ſetzte ſich.
„Ehe wirzulangen, ſagte Charles,„ein Glas auf dein Wohl!“—„Und auf eine glückliche Reiſe!“ ſetzte Moreau hinzu.—„Nein, darauf trinke ich nicht,“ entgegnete Alfred.—„O gewiß,“ rief Hedwig, indem ſie ihn mit ihren hübſchen Augen voll und bittend anſchaute und ihm ihr Glas ent⸗ gegenhielt,„auf eine glückliche Reiſe!“
Alfred, betroffen über ihre Worte und ein wenig verſtimmt, konnte dennoch nicht widerſtehen; er ſtieß an.„Wie hell das klingt,“ lächelte ſie, indem ſie ihr Auge auf ihm ruhen ließ.„O, das wird eine glückliche Reiſe werden!“ Das Feuer des lang entbehrten Weines ſchwemmte den Tropfen Bitterkeit aus Alfreds Herzen ſchnell hinweg. Das heiterſte Mahl begann; ſelbſt Hedwig ſchien ihre muntere Laune wiedergefunden zu haben, und manche liebenswürdige Neckerei glitt über ihre roſigen Lippen.
Die kleine frohe Geſellſchaft um den runden Tiſch hatte das einſame Krankenzimmer plötzlich in eine Idhlle verwandelt. Die Lampe, die ſo lange den Nächten voll Schmerz geleuchtet hatte, warf jetzt ihren Schimmer auf die mildernſten Züge Adelaidens, ſpiegelte ſich in den lebhaften Augen Hedwigs, beleuchtete Charles' breite hohe Stirne und ſänftigte den ſatiri⸗ ſchen Zug um Moreau's volle Lippen. Alfred wurde nicht müde, von ſeinem Lehnſtuhle aus die hübſche Gruppe zu betrachten. Seine Blicke begegneten auf ihrer Wanderung oft denen Hedwigs, und hatte er ſich früher ſchon an der zuweilen etwas lauten Ausgelaſſenheit des Mädchens ergötzt, ſo machte jetzt ihr ſtilleres, geſänftigtes Weſen einen noch um ſo angenehmeren und tieferen Eindruck auf ihn. Eigenthümliche Phantaſieen begannen ihr Spiel mit ihm zu treiben.
Erſt ſpät trennte man ſich; aber noch lange nach der Entfernung ſeiner Gäſte ſaß Alfred träumend in ſeinem Lehnſtuhl. Noch immer war
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