Jahrgang 
1855
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Von Robert Schweichel. 247

ſtill fuhr ſie fort, legte ihren Finger auf ſeinen Mund, trat dann mit Hedwig zurück und die Vorhänge ſchloſſen ſich.

Das hübſche Bild war verſchwunden, doch fort und fort ſtand es vor Alfreds innerem Auge.

Seine Geneſung ſchritt jetzt raſch vorwärts. Er bedauerte faſt die Zunahme ſeiner Kräfte, denn damit endete Hedwigs Aufenthalt in ſeinem Zimmer. Es war ihm ſo wohlthuend geweſen, dem Rauſchen ihrer Kleider, dem leichten Tritt ihres Fußes zu lauſchen, wenn ſie ſich für ſeine Pflege bemühte. Mit angenehmer Ungeduld hatte er an ſeiner Uhr die Minuten gezählt, wann ihr liebes Geſicht zwiſchen den Vorhängen ſeines Bettes er⸗ ſcheinen würde, um ihm die Arznei zu reichen und einen Augenblick mit ihm zu plaudern. Die Vorhänge öffneten ſich freilich nach wie vor, aber ſie zeigten Charles' bärtiges Antlitz, und er machte nun die Bemerkung, daß die Mirtur einen abſcheulichen Geſchmack habe. Adelaide beſuchte ihn noch täglich, Hedwig begleitete aber ihre Freundin nur ſelten. Statt ihrer kamen Grüße und Früchte, und es blieb Charles und Moreau, der ſein Freund geworden war, überlaſſen, mit ihrer Unterhaltung die Langeweile ſeines Krankenlagers zu verſcheuchen.

Moreau erzählte lebhaft und plaſtiſch und ſein Talent für die Karri⸗ katur, die unglückliche Krankheit geiſtreicher Menſchen, wenn ihre Zeit von keiner großen Idee bewegt wird, rief häufig das Gelächter der jungen Män⸗ ner hervor. Alfred liebte ſonſt dieſe Gattung der Charakterzeichnung nicht; aber Moreau's boshafter Witz war mehr ein Erzeugniß ſeiner Phantaſie als ſeines Herzens. Dieſes war in der That beſſer als er ſelbſt glaubte und andere glauben machen wollte, und verſöhnte durch ſeine Güte mit ſeiner etwas nachläſſigen Moral. Er hatte die Abſicht, den Winter in Italien zuzubringen, und da er hörte, daß Alfred ohne Plan und Ziel in der Welt umherirre, ſuchte er ihn zur Begleitung zu bereden. Er kannte Italien ſchon und ſchilderte es mit glühenden Farben. Alfred konnte ſich jedoch nicht entſchließen, obwohl er für ſeine Weigerung keinen ſtichhaltigen Grund anzuführen vermochte.

Eines Abends, als er ſchon das Bett verlaſſen konnte, erſchienen Charles mit ſeiner Frau, Hedwig und Moreau auf ſeinem Zim⸗ mer. Ein Dienſtmädchen ſtellte einen großen Korb hin und entfernte ſich. Wir kommen, von dieſen Wänden Abſchied zu nehmen, ſagte Charles.