Jahrgang 
1855
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S

Von Robert Schweichel. 249

es ihm, als fühle er den leiſen Händedruck, mit dem Hedwig von ihm ge⸗ ſchieden war. Er kämpfte gegen die Gedanken, welche dieſer Druck der kleinen, weißen Hand in ihm erzeugt hatte. Sie waren ſo ſonderbar! Und doch gewannen ſie immer neue Nahrung, ſobald ſein Auge auf die Stelle fiel, auf der ihm Hedwig gegenüber geſeſſen hatte. Es war vergebens, daß er ſich einen Thoren ſchalt.

Er ſuchte endlich ſein Lager. Und da in der nächtlichen Stille und Einſamkeit konnte er ſich die Quelle ſeiner Stimmung nicht länger verbergen. Mit ſich ſelber ſtreitend, verbrachte er eine ſchlafloſe Nacht und die Morgenſonne ſtahl ihm das Geſtändniß von den Lippen, daß er Hedwig liebe.

Er hatte es ſich geſtanden, und doch verging keiner der nächſten Tage ohne den Verſuch, dies Geſtändniß vor ſich ſelber zurückzunehmen.

13.

Das Dampfboot, welches von Genf nach Villeneuve geht, verließ Ouchy. Obgleich der Oktober ſich ſchon ſeinem Ende näherte, war das Wetter doch außerordentlich mild und warm, und unſere Freunde, die ſich auf dem Hinterdeck des Tell befanden, ſegneten die kühle Luftſtrömung, welche die Fahrt erzeugte. Es war einige Tage zuvor regniges, rauhes Wetter geweſen und ſo verhüllten auch heute noch graue, ſchwere Wolken die Gipfel der Alpen. Aber die klare Morgenſonne kämpfte ſiegreich gegen ſie an und ſie begannen allmählig zu zerrinnen. Hier und da trat aus dem gleich Rauch aufſteigenden Nebel ein bewäldeter Bergrücken, eine ſchroffe Felszacke hervor. Schon ſchüttelten die Felſen von Meillerie ihr Laubgelock im Sonnenſchein, während hoch droben die verdünnten Wolken mehr und mehr von einem ſilbernen Glanze durchſchimmert wurden. Jetzt zeichneten ſich die Gipfel, Kuppen und Spitzen der Alpen in deutlichen Umriſſen; Kegel drängte ſich an Kegel, Pyramide an Pyramide, ſoweit man landein⸗ wärts ſchaute, und aller Scheitel verklärte ein ſilberner Glanz, der ſie mit dem Himmel in eins verſchmolz. Nur nach und nach lernt das geblendete Auge die Felſenhäupter von dem Himmel ſcheiden und erkennt jetzt mit ſtaunender Bewunderung in jenem Leuchten den erſten friſchgefallenen Schnee, der ſich in der Laubumhüllung der mittleren Region verliert. Die Herbſtluft iſt ſo klar, daß man den Schnee auf den Tannen laſten zu ſehen glaubt. Die ſcharfkantige, zerklüftete Bildung der Felſen, welche unmittel⸗