Jahrgang 
1855
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242 Am Genfer See.

Tag iſt ſo ſchön, ſie werden kommen! hoffte er, und lagerte ſich unter dem Nußbaum am Abhange des lieblichen Thales, deſſen Wieſengrund von dem Flon eilig und brauſend durchſtrömt wird.

Er hoffte vergebens! Die Veſperglocken läuteten von der Stadt her, die Sonne verſank, die Sterne entzündeten ſich nach kurzer Dämmerung in dem verdunkelten Blau des Himmels, Nebel füllten das Thal, im Grau der Nacht verſchwanden der Dom und die Stadt; doch weder Adelaide noch Hedwig war gekommen, die weiche und doch ſo glühende Farbenpracht des herbſtlichen Sonnenunterganges zu bewundern. Langſam und niederge⸗ ſchlagen trat er den Rückweg an. Noch einmal zögerte er an der Garten⸗ pforte. Er wähnte Hedwigs wohlklingende Stimme zu vernehmen. Es war der Abendwind, der in den Blättern ſäuſelte. K

In der Stadt trat er in's nächſte Kaffeehaus. Eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft ſaß rings an den Tiſchen umher, die Unterhaltung war lebhaft und geräuſchvoll wie gewöhnlich; zuweilen vernahm man durch den Lärm und das Klappern der Billardbälle einzelne Akkorde. Es waren deutſche Harfeniſten, die zu ihren Inſtrumenten mit dünner, unreiner Stimme und noch abſcheu⸗ licherer Ausſprache franzöſiſche Lieder ſangen.

Alfred ließ ſich ſeinen Wein an einen noch freien Tiſch in einer Ecke bringen. Gleich darauf geſellte ſich ein Franzoſe zu ihm. Es war ein jun⸗ ger Mann von glücklicher Geſichtsbildung, für den man ſich ſofort einge⸗ nommen gefühlt, hätte nicht zuweilen ein höhniſcher Blitz ſeinen Mund umzuckt.Peſt! rief er,dieſe Deutſchen mit ihrem Gekrächze ſind unent⸗ rinnbar wie das Fatum.Es iſt die Kunſt, die nach Brod geht. Nach Brod? Das iſt gewiß; denn da geht auch ſchon die Hübſcheſte von der Bande mit dem Teller herum. Aber Kunſt iſt dies wahrlich nicht.

Die Einſammlerin kam an ihren Tiſch und der Franzoſe vergaß das Gekrächze, um ihr einige Schmeicheleien über ihre glänzenden, herausfor⸗ dernden Augen zu ſagen. Er verfolgte ſie mit ſeinen Blicken, bis ſie zu ihrem Inſtrumente zurückgekehrt war.

Foe deutſchen Lieder ſollen ſo ſchön ſein, nahm er das Geſpräch wieder auf,warum ſingen ſie nicht lieber von dieſen einige, ſtatt der fran⸗ zöſiſchen, deren Vortrag kein Deutſcher lernt?Sie fürchten vielleicht mit ihnen zu mißfallen, denn ſie ſind ſo einfach, ſo elegiſch, erwiderte Alfred.Nein, nein, ſie wollen der ſprichwörtlichen Eitelkeit der Fran⸗

zoſen ſchmeicheln. Es iſt der Mangel an Selbſtgefühl und Stolz, der ſie