Jahrgang 
1855
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Am Genfer Fer.

Novelle von

Robert Schweichel.

(Schluß.)

10.

Alfred rüſtete ſich, ſeine Wanderſchaft wieder anzutreten. Er wollte in die Savoyer Gebirge. Sein Mantelſack war gepackt, die Alpen lagen vor ihm, die Tage vergingen unerträglich einförmig und reizlos; dennoch kam er nicht fort. Er zürnte ſeiner Unentſchloſſenheit und blieb doch und grollte auch wieder der Urſache, die ihn vertrieb.Was nützt es, rief er unmuthig,daß ich dieſe Menſchen meide? Wir alle leiden darunter und Hedwig zumeiſt. Sie iſt praktiſch und verſtändig; ich will hinausgehen, mit ihr reden, und meine Gründe, meine gleichmäßige Ruhe werden ihre Gefühle zur Freundſchaft herabſtimmen. Und wenn meine Gründe wir⸗ kungslos bleiben, iſt es meine Schuld, daß ſie mich liebt? Soll ich leiden, weil ſie leidet? Es iſt ſonderbar, daß ein Kranker eine Arzenei nicht neh⸗ men ſoll, weil zufüllig eine Thräne hineingefallen iſt.

Dieſe ſelbſtſüchtigen Reflerionen hielten freilich nicht länger Stich, als die Stimmung, die ſie erzeugt hatte. Endlich vermochte er dem Drange ſeiner Sehnſucht nicht länger zu widerſtehen und ging hinaus. Unterwegs wiederholte er ſich alles, was er ſagen wollte, ohne zu merken, daß er ſich in ein Netz von Sophiſtereien hineinſpann. Als er jedoch an der Garten⸗ thüre ſtund, überfiel ihn ein ſolches Zagen, daß er nicht einzutreten wagte.

Plötzlich beſann er ſich, daß ganz in der Nähe ein Lieblingsplätzchen der beiden Freundinnen ſich befinde.Sie werden dort ſein! ſagte er zu ſich ſelbſt und eilte dahin, aber die Freundinnen waren nicht dort.Der Hausblätter. Jahrg. 1555. IM. Bd. 16