Von Levin Schücking. 239
während das ſchwache, gebrechliche, alte Männlein neben ihr in ſeiner mathematiſchen Seelenruhe mit überraſchend ſtarker Stimme gelaſſen aus⸗ ruft:„Ich habe es geſagt, das Weib erträgt den Himmel nicht!“ ſinkt ſie zuſammen; die wiſſ nſchaftlichen Beobachtungen der beiden Männer müſſen abgebrochen werden, man lüftet die Klappe des Ballons und wie ein Rie⸗ ſenfalke ſtößt„der Condor“ hundert Klafter ſenkrecht nieder in die Lüfte unter ihm und ſucht die Erde wieder. Von dieſem Augenblick an iſt der Stolz des ſpröden, jungfräulichen Weſens gebrochen; es iſt eine Kriſis ein⸗ getreten, welche ihr Gemüth umwandelt, der Gedanke der Unendlichkeit hat die Weiblichkeit in ihr zur Reife gezeitigt, ſie fühlt zugleich, daß ſie an der Kraft des Mannes als an eine Ergänzung ihres Weſens gewieſen iſt, und ſie ergibt ſich dem Jüngling, der um ſie wirbt, in Liebe.— Dieſe Erzäh⸗ lung hat einen unbeſchreiblichen Reiz. Vor Allem meiſterhaft iſt die Schil⸗ derung der Luftfahrt. Wir fliegen mit dieſem„Condor“ empor, wir ſtaunen, wir fühlen uns erſchüttert, überwältigt, ja es ſchwindelt uns wirklich und wir wagen nicht, neben uns, über den Bord der winzigen Gondel hinaus und in die Tiefe hinab zu blicken von der fabelhaften Höhe aus, in welche uns der Dichter getragen. Eine ſolche Macht der Schilderung, eine ſolche Naturtreue in der Darſtellung einer Stene, welche der Verfaſſer ſelbſt wahr⸗ ſcheinlich nie ſah, und von der wir andern, weniger mit Phantaſie und In⸗ tuition begabten Menſchen kaum mehr würden zu ſagen wiſſen, als daß man inmitten derſelben eben nichts mehr ſieht,— eine ſolche Macht der Schilderung, ſagten wir, findet ſchwerlich irgendwo ſich übertroffen. Wenn uns Stifter dagegen in ſeine„Narrenburg“ führt, in das Chaos von Wunderlichkeiten der Familie Scharnaſt, und hier aus düſtern und ſchreienden Farben allerhand phantasmagoriſche Bilder zuſammenwebt, liebliche und ſchreckliche Situationen, düſtere und ſchwüle Nächte von Wetterleuchten durchzuckt, troſtloſe Oeden, welche haarflatternde Gedanken
wie verwirrte Seelen, wie wahnſinnige Geiſter durchſchweben— ſo mag
man in dem Allen das reiche Talent bewundern, die Fülle der Einbildungs⸗
kraft preiſen: aber es fehlt dabei das künſtleriſche Bewußtſein und es fehlt
die Idee in dieſer wirren Traumwelt.
Wir dürfen von Stifter nicht ſcheiden, ohne das Ethiſche in ſeinem litterariſchen Wirken, das oft geradezu in religiöſe Stimmung und Andacht
übergeht, hervorzuheben. Er hat etwas von einem Geiſtlichen in all ſeinem
5. Weſen, von einem ehrwürdigen Seelenhirten, der vor Allem dem Herrn die


