238 Drei deutſche Dichter.
jedes herben Mißklangs in eine religiöſe Harmonie,— ſo läßt er uns aller⸗ dings jede ſeiner Erzählungen mit befriedigtem Gefühle aus der Hand legen. Aber für den analhſtrenden Verſtand haben ſeine Geſtalten mitunter zu viel Verſchwommenheit, und als Künſtler würde er höher ſtehen, wenn er ſeine Lichter und Schatten ſo zu nuanciren wüßte, daß ſeine Menſchen ſo klar und wahr, ſo feſter Hand und ſcharfen Blicks gezeichnet vor uns träten, wie ſeine Landſchaften und Bergwaldſcenerien und blühenden Alpenpflanzen es thun. Er hat das Talent dazu, und er übt es auch oft, aber nicht immer; ſein Wirth Erasmus zur Fichtau in der Erzählung:„Die Narrenburg“ iſt ganz eine Geſtalt, wie wir ihrer mehrere bei Stifter zu finden wünſchten. Dagegen iſt der wahnwitzige Caſtellan in derſelben Erzählung eine Figur ohne Leben und Wahrheit, ein Golem, wie ſie Callot⸗Hoffmann malte, nicht wie ſie in der Wirklichkeit uns begegnen könnte. In der Erzählung: „Der Hochwald“ gemahnen Gregor und die beiden Mädchen auch an ſolche mehr aus einer conventionellen Bücherwelt als aus der Wirklichkeit ent⸗ lehnte Geſtalten. Weßhalb denn, wenn man ein klares, tüchtiges und kern⸗ haftes Mannsgemüth darſtellen will, wie den Gregor, ihm mit ſenti⸗ mentalen und idealen Phraſen die Aaronsmütze eines Prieſterthums der Weisheit und Erhabenheit aufſtülpen, die ja in der Wirklichkeit Niemand zu tragen ſich einfallen läßt?— Großartig⸗ſchön iſt dagegen die Erzählung „der Condor.“ Der Condor iſt der Name eines Ballons, in dem eine ſchöne und vornehme Dame einen Engländer und ſeinen gelehrten Begleiter, wel⸗ cher ein altes gebrechliches Männchen iſt, auf einer Fahrt durch die Lüfte begleitet. Sie iſt ein hochherziges und ſtolzes Mädchen, das ſich von den Schranken des weiblichen Geſchlechts gedrückt und beengt fühlt und über ſie hinaus ſchreiten, auf den Bahnen des männlichen Geiſtes wandeln möchte.
Ein junger Maler liebt ſie, doch auch von der Liebe will ihr Stolz ſich nicht
unterjochen laſſen; aber es reizt ihren hochfliegenden Muth allen Abmah⸗ nungen zum Trotz in unſäglichem Wagniß die Lüfte zu durchſegeln und bis in die Nähe der ewigen Sterne zu ſchweben. Sie beſteigt alſo den Ballon, er wird gelöst, er ſteigt empor, ſteigt bis zur Höhe des Wontblanc, noch höher, immer höher, bis wo die Sterne am Tage ſichtbar werden, wo der blaue Himmel aber ſchwindet zu einem dunklen, ſchwarzen Nichts. Hier denn, dem unausſtaunbaren Gedanken der Ewigkeit gegenüber, hier im Angeſicht des Unendlichen ſchwindet der kühnen Seglerin der Muth; die Selbſtbeherrſchung geht ihr verloren, ihre ganze Faſſung ſchwindet, und


