Jahrgang 
1855
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236 Drei deutſche Dichter.

welche auf die unbeſtrafte Injurie privilegirt ſcheint: finden bei uns nur noch eine Art von Btifall, die für den Verfaſſer eigentlich doch etwas De⸗ müthigendes hat. Wacht es denn Heine nicht ſtutzig, wenn er ſieht, daß er, ohne ſich geniren zu brauchen, Dinge ſchreiben darf, wie ſie ſeine ver⸗ miſchten Schriften auf mehr als einer Stelle enthalten, und da lche Anfülle unbeſtraft bleiben? Die Angegriffenen verachten es, ein Wort di auf zu erwidern. Uns'ſcheint, eine deutlichere Belehrung, wohin es m ihm gekommen, kann es nicht geben. Er iſt litterariſch ſatisfaetivnsunfähig geworden.

Heinrich Heine iſt eine Erſcheinung, die unter den ungeſunden poli⸗ tiſchen und litterariſchen Zuſtänden der zwanziger und des Anfangs der dreißiger Jahre aufgewachſen. Sie iſt eine duftige, blumenhafte Erſcheinung geweſen, dieſe Muſe des Buchs der Lieder. Aber ſeitdem ſich dieſer träu⸗ meriſche, vom Winde geſchaukelte Lotos ſo ſchön entfaltet hat, iſt die Selbſt⸗ beſpiegelung in der mütterlichen Fluth des umgebenden Gewäſſers auch ihre einzige Beſchäftigung geblieben. Darüber iſt, was Blume war, verwelkt, vergilbt und übelriechend geworden. Wäre dieſe Pflanze, die ſo mäch⸗ tige Triebkraft in ſich trug, in dem feſten Boden, auf dem fruchtbareren Grunde einer Epoche aufgewachſen, nur wie es die unſere, mit ihrem realen Triebe, ihren praktiſchen Intereſſen, ihrer objektiven Richtung, mit ihrem ausgebildeteren, wie es die Phrenologen nennen: Thatſachenſinn iſt es hätte etwas ganz Anderes, ein fruchtreicher Baum mit kernigem, hochragen⸗ dem Stamm, mit voller Palmenkrone daraus wachſen müſſen!

Wir gehen zu Adalbert Stifter über, deſſenStudien in einer wohlfeilen Geſammtausgabe in drei Bänden erſchienen ſind(Peſth 1854).

Adalbert Stifter bietet einen eigenthümlichen Gegenſatz zu H. Koenig dadurch dar, daß bei ihm ſeit ſeinem erſten Auftreten vor etwa 10 Jahren eigentlich gar keine Fortentwicklung ſeines Talents und auch kaum ein Streben danach zu bemerken iſt. Von Hauſe aus Maler, beſchäftigt ſich unſer Autor eben nur mit Studien, ohne nach der Ehre zu geizen, welche die große Compoſition ihm bringen würde. Das glückliche Gemüth dieſes liebenswürdigen Dichters iſt in einem Stillleben befangen, welches man dem ruhigen Fortſtrömen eines klaren und ungetrübten Gewäſſers in einem ebenen Gelände vergleichen kann. Es ſpiegelt die Wolken, den Himmel, die Gebüſche und Blumen des Ufers und die Menſchengeſtalten, welche Ackerer, Hirten und ſpielende Kinder die Staffage der Landſchaft bilden,