Jahrgang 
1855
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234 Drei deutſche Dichter.

Wahrheit und Natur, die Freude am grofartigen Scherze, die Freiheit der Geſinnung, die ſich keinen Convenienzen beugt, ein geläutertes Gefühl, das ſich durch keinen Schwulſt blenden läßt, dies, mit einem ernſten Streben zu einer ächten und tiefſinnigen Kunſt, iſt in höchſter Bedeutung aufgefaßt un⸗ ſere wahre deutſche Natur. Er iſt eine durch und durch deutſche Natur, und hat ſich mit der ſtillen Zähigkeit einer ſolchen ausgebildet und ihre eigene Sprödigkeit in langſamer Fortbildung überwunden.

Iſt hiermit auf der einen Seite angedeutet, wie das eigene Schickſal auf die Entwicklung und die Anſchauung des Dichters gewirkt hat, ſo ſteht dem auf der andern Seite folgerecht die Art und Weiſe gegenüber, wie der Dichter auf ſein Publikum wirkt. Dieſe jſt in den Schilderungen des Ge⸗ müthslebens, das er vorzugsweiſe darzuſtellen liebt, nicht heiter, ſie iſt oft ſogar niederdrückend und beklemmend.

Bau'ſt du ein Haus von Sonnenſtrahlen

In deiner Phantaſei

Die Endlichkeit mit ihren Qualen

Gibt ihm ein Dach von Blei, ſagt ein Epigrammendichter, und dieſes Dach von Blei laſtet ſchwer auf den meiſten Geſtalten der Koenig'ſchen Fiktion. Seine Helden unterliegen ſelten großen Schickſalen und tragiſchen Kataſtrophen; ſie flattern und ar⸗ beiten ſich ab, wie arme Vögel, die ein Knabe am Faden hält; ſie ſind gebunden durch die Fäden widriger Verhältniſſe und beengender Sorgen, die von Außen, oder peinigender Conflikte, die von Innen kommen. Darum iſt ihm z. B. die Geſtalt G. Forſters von größerer Anziehungskraft, als ſicherlich einem bedeutenden Bruchtheile der Leſer vonHaus und Welt oder vonDie Clubbiſten; darum iſt ihm ſo meiſterhaft die NovelleRe⸗ gina(Geſ. Schriften 1. Bd. Leipzig 1854) gelungen, wo das Intereſſe ſich gerade auf einen Helden ähnlicher Art concentrirt. Ob die pathologi⸗ ſche Erſcheinung dieſes Helden, der zum Theile in Folge eigener Schuld krank und ſiech iſt, ſo vortrefflich ſie entwickelt, im Grunde nicht ſtatt anziehend zu ſein, für ein geſundes Gemüth abſtoßend iſt darüber entſcheidet das individuelle Gefühl des Leſers wohl richtiger als die debat⸗ tirende Kritik. Uns ſcheint nach den Eindrücken, welche Kvenig's Schriften auf uns machen, daß das große fördernde Moment, welches ſeine Thätigkeit für die deutſche Romandichtung gehabt hat, unbedingt am meiſten in ſeinen hiſtoriſchen Romanen, in den Clubbiſten und im Shakespeare liegt. In