232 Drei deutſche Dichter.
anzuſtoßen und gefundener Gönner Wohlwollen nicht zu verſcherzen, und was ſonſt im zarteſten Alter dem Knaben anerzogen; dann ein widriges Band, das dem erſten Aulauf zum Lebensgenuß in niederdrückendſter Weiſe folgt— das Alles muß den Geiſt kalt auf ſich ſelbſt zurückweiſen, die Schwingen eines jugendlichen Enthuſiasmus ausrupfen und ſtatt genialer Weitherzigkeit, die offen dem Strome des Lebens nahe tritt und ſich von ihm durchfluthen und erfüllen läßt, eine einſiedleriſche Beſchaulichkeit verleihen. Damit iſt denn auch der Charakter von H. Koenig's Talent ausgeſprochen: Beſchaulichkeit, die das Leben da erfaßt, wo es tief und ernſt iſt, und allen Flitter, in welchen es ſich kleidet, ihm ironiſch abzuſtreifen liebt; ein Sinn, der ſtill rechnet und aus dem Stoffe, deſſen er ſich bemächtigt, ſparſam haushälteriſch zu machen weiß, was ſich irgend daraus machen läßt. In der That verſteht Koenig es meiſterhaft, ſeine Stoffe vollſtändig zu erſchöpfen; er läßt keine Seite an ihnen unausgebeutet; er läßt ſich nicht Zeit noch Mühe mit ihnen verdrießen; er arbeitet mit vollſter Gewiſſenhaftigkeit, um nichts unbe⸗ nützt aus der Hand zu geben. Er nimmt ſeine Charaktere unter die Loupe genaueſter Detailbetrachtung und vergißt keinen kleinſten Zug an denſelben; aber ſeine Eigenthümlichkeit iſt dabei, daß er im Gegenſatz zu andern ſcharf analhſirenden Detailmalern das Aeußere der Erſcheinung, die umgebenden Dinge faſt nur in ſofern berückſichtigt, als ſich eine tiefere, innere Bedeutung darin nachweiſen läßt, als ſich ein geiſtiges Moment darin ſinnig wieder⸗ ſpiegelt, oder etwas Symboliſches darin nachzuweiſen iſt. Ein Schilderer, wie Balzac, wie Boz, iſt H. Koenig nicht; es liegt das eben in ſeiner Natur, die weſentlich auf und in ſich ſelbſt ruht und ſich nicht peri⸗ pheriſch dem„farbigen Abglanz“ der Dinge außer ihm, der„Welt“ hin⸗ gibt, an dem wir doch, wie Goethe ſagt,„das Leben haben.“ Den farbigen Abglanz zu beſeitigen, den Schein zu entfernen und was darunter ſich birgt, die Wahrheit und Wirklichkeit darzuſtellen, zu zeigen, wie es ſeinen Ge⸗ ſchöpfen recht eigentlich um's Herz iſt, das iſt immer die höchſte Aufgabe, welche unſer Autor ſich ſtellt; und was er dadurch erreicht, iſt eine kernige, immer ſich gleich bleibende Actualität ſeiner dichteriſchen Schöpfun⸗ gen. Man fühlt darin immer den feſten und ſicheren Boden der Wirklichkeit unter ſich, man ſieht die Verhältniſſe unverhüllt vor ſich dargelegt, wie ſie eben ſind, glücklich, erträglich, oder auch trübſelig und innerlich faul und hohl. Wenn andere bedeutende Talente der Darſtellung, wennz. B. die Hahn oder Sternberg uns in einen ihrer Kreiſe führen, ſo treten wir darin ein


