Jahrgang 
1855
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230 Drei deutſche Dichter.

die an Rouſſeau's Confeſſtonen mahnt. Mit der größten, mit einer viel⸗ leicht nie dageweſenen Objektivität ſtellt der Autor ſeine Perſon wie eine faſt ihm fremde, beinahe wie eine erfundene Romanheldengeſtalt in die Witte ſeiner Schilderungen, man kann ſagen, er beherrſcht ſeinen Stoff frank und frei.

Der junge Menſch, deſſen erſte Lebenserfahrungen, deſſen Dichten und Trachten in der Sphäre der Heimath Koenig behandelt, iſt ihm nicht einmal die Hauptſache; er läßt ihn die Umgebungen in ſeinem Buche eben⸗ ſo wenig überragen, wie es eben ein junger Menſch in der Wirklichkeit thut; er läßt vielmehr die Umgebungen, die beſtimmend auf ihn wirkten, immer in den Vordergrund treten; die ſich dazwiſchen bewe gende Geſtalt dient nur beſcheiden zum vermittelnden Bande. Verliert dadurch das Buch freilich an Wärme und erweckt es weniger die geſpannte perſönliche Theilnahme, ſo erſetzt es dies auf der andern Seite durch die treffliche Darſtellung der Zu⸗ ſtände und Sitten einer verfloſſenen Zeit und der eigenthümlichen Verhält⸗ niſſe eines kleinen geiſtlichen Staates im ehemaligen heiligen römiſchen Reiche deutſcher Nation. Fulda iſt bekanntlich des Autors Heimath; ſeine Jugend fiel in die letzten Jahre der politiſchen Exiſtenz dieſes alten und berühmten Hochſtifts. Das Leben, welches den jungen Dichter dort umgibt, ſehen wir in eigenthümlich beengter und knapp umgränzter Sphäre ſich be⸗ wegen. Die politiſche und die geiſtige Welt, die Kreiſe der Geſellſchaft und die Kreiſe der Schule, in welchen der junge Mann verkehrt, haben etwas überaus Enges, Kleinbürgerliches, Dürftiges; Alles iſt nach verjüngtem Maßſtabe angelegt, nirgends iſt eine Erſcheinung, welche die Gewöhnlichkeit überragt. Auch das große erſchütternde Weltereigniß der Zeit, die franzö⸗ ſiſche Revolution, zittert nur in ganz kleinen, allmählig anfluthenden Well⸗ chen bis in dieſe ſtillen Gewäſſer nach.

Es iſt eigenthümlich intereſſant, den Einfluß einer ſolchen in die dürf⸗ tigſte Enge und Stille gebannten Jugend auf die ſpätere Charakter⸗Ent⸗ wicklung und die litterariſche Phhſiognomie des gereiften Mannes zu ver⸗ folgen. Nach der Lehre von den Gegenſätzen müßte man ſchließen, Koenig's Talent habe eine Richtung ganz anderer Art genommen, wie es wirklich geſchehen; er müſſe das Großartige, Farbenreiche, Schranken⸗Ueberfliegende, mit ſtarken Effekten Wirkende in ſeinen Dichtungen darzuſtellen lieben und bevorzugen; die feſſellos ſich ergehende Romantik müſſe ihn unwiderſtehlich verlockt und mit ihren Zaubertönen in den Schooß ihrer kühlen Waldes⸗