Jahrgang 
1855
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228 Drei deutſche Dichter.

Wenn wir aber auch den andern Heinrich ſo nannten, ſo iſt das durch den Eindruck zu erklären, den die Geſchichte ſeiner Jugend auf jeden ſeiner befreundeten Leſer machen muß. Wir haben viele Schriftſteller in neuerer Zeit dazu übergehen ſehen, ihr Leben zu beſchreiben. Alerander Dumas hat ſeine Erlebniſſe zu einer Bibliothek von ein paar Dutzend Bänden aus⸗ geſponnen; die Sand erzählt uns in ihrerHistoire de ma vie mit ihrer unnachahmlichen Wärme der Diktion die Ereigniſſe und Emotionen ihrer Jugend; Gutzkow hat ſeine Knabenzeit geſchildert, jetzt iſt ihm Kvenig ge⸗ folgt. Iſt das Einwirkung unſerer Zeit, welche den Fiktionen abhold iſt und Wahrheit und Wirklichkeit fordert? oder iſt es eine Erſchöpfung der dichtenden Phantaſie, welche alle Stoffe, alle Themata behandelt findet und alle Federn aus ihren geknickten Schwanenflügeln aus⸗ und abgeſchrie⸗ ben? Vielleicht wohl; aber der Drang, zur Darſtellung des eigenen Lebens überzugehen, ſcheint uns auch einen tieferen Grund zu haben. Die Bedin⸗ gungen unſerer heutigen Eriſtenz erlauben weniger als je eine volle und freie Entfaltung ſchaffender Geiſter. Der Weg, den wir einſchlagen möchten, um unſere Individualität ſich entwickeln und unſer Talent treu gegen ſich ſelbſt ſich auswachſen zu laſſen, ſtößt auf hundert Hemmniſſe. Es drängen ſich uns Lebenslagen und Zeitſtimmungen auf, die unſer Wille, unſere Anſtrengung, ſie zu beſiegen und über ſie hinweg die gerade Straße nach unſerem Ziel zu ſchreiten, nicht überwindet. Der Magnet unſeres Talents weist nach einer Himmelsgegend; unſer Lebensſchiff wird von den Wellen umhergeworfen nach allen andern. Das iſt der Schmerz einer künſtleriſch angelegten Natur. Je älter wir werden, deſto mehr wird dieſer Schmerz wachſen, deſto tiefer und ſtörender ſich in unſer Bewufßtſein feſtſetzen. Wir laſſen die Hoffnungen, aus unſerem Leben ein Ganzes geſtalten zu können, endlich fahren. Einſt, als wir jung waren, lag es vor uns dieſes Leben wie ein ſchöner, reiner Marmorblock, aus dem wir uns zutrauten, das Bild einer edlen harmoniſchen Exiſtenz geſtalten zu können. Aber wie bald ſehen wir ein, daß wir nicht berufen ſind, der Praxiteles an unſerer Exiſtenz, ſon⸗ dern nur der arme Siſyphus an derſelben zu werden!

Wo ſind die Stunden hin, die um mein Haupt mit Blumenkränzen ſpielten, die Tage, da dein Geiſt mit froher Sehnſucht des Himmels ausgeſpanntes Blau durchdrang

rufen wir dann mit Taſſo aus.