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Von Adolf Stahr. 223
Wagniß iſt es allerdings. Der naſſe Schleim, mit dem der ſchmale Geröll⸗ wall überzogen iſt, der ſich um die Sohle des Felſens aus den vom Meere zerwaſchnen Abfällen des letzteren gebildet hat, macht faſt jeden Tritt un⸗ ſicher und gefährlich, und dazu kommt, daß von den verwitternden Zacken, Flächen und Kanten hoch oben fort und fort größere und kleinere Stücke ſich loslöſen, deren Niederpraſſeln in nächſter Nähe mich mehrmals mein vorwitziges Unternehmen bereuen ließ; auch lohnt der Genuß, den man da⸗ von hat, weit nicht die Mühe des mehrſtündigen Springens und Kletterns, da man eine volle Ueberſicht der wunderbaren Konfiguration dieſer Fels⸗ maſſen doch nur von der See aus, bei einer Umfahrt im leichten Fiſcher⸗ boote haben kann.
Nichts kann verſchiedener ſein als der Anblick der beiden Langſeiten des Felſendreiecks. Während die nach Oſten und Nordoſten gelegene und den Orkanen dieſer Himmelsgegenden ausgeſetzte Küſte, auf deren Seite zugleich die Abnahme der Inſel am merklichſten vorſchreiten ſoll, in ihren ohne ſcharfe Vorſprünge und tiefe Höhlungen hinlaufenden Felswän⸗ den weit weniger die Wirkungen zerſtörender Kräfte zeigt, bietet da⸗ gegen die von Südoſt nach Norden ſich hinſtreckende Küſtenſeite ein groß⸗ artiges Bild wildeſter Zerſtörung. Ungeheure Felſenkegel mit tief unter⸗ waſchener Baſis ſtarren, vom Inſelrande getrennt, aus den Wellen empor; rieſige Blöcke liegen herabgeſtürzt in der Brandung deren weißer Giſcht über ſie hinſpritzt, Felſenthore öffnen ſich an den Vorſprüngen tief eingeriſſner Buchten und ausgewaſchner Klüfte und gewähren dem Nahenden die wun⸗ derbarſten Durchblicke. Hier iſt die Poeſie und Romantik, wie dort an der entgegengeſetzten Seite die Proſa von Helgoland. An und auf dieſen Fel⸗ ſenkegeln und überhängenden Hörnern, in den Höhlen, Spalten und Klüften dieſer ſteilen Felswände ſind die Niſt⸗ und Brutſtätten zahlreicher Vogel⸗ ſchaaren, deren Jagd und Fang im Herbſte den Inſulanern Beſchäftigung und Nahrung gibt. Alle dieſe Schlüchte und Klüfte, dieſe Vorſprünge und Hörner, dieſe einſamen Felskegel, Pfeiler, Thore und Höhlen haben ihren Namen ſo gut wie die Thäler und Schluchten, die Berge, Hörner und Felskämme des Alpenlandes, und oft ſind die Benennungen für dieſelbe Gegend oben am Felsrande andere als unten am Strande. Der fleißige Wiebel hat alle dieſe Namen aus dem Munde der Lootſen und Fiſcher ge⸗ ſammelt. Es ſind ihrer nahezu fünfzig für dieſe einzige Seite, welche in ihrer geſammten Ausdehnung doch kaum ein paar tauſend Schritte mißt.


