Jahrgang 
1855
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Gefährliche Blumenſträuße.

Zwiſchen den grünen und gelben Blättern der Weinſtöcke hervor jauchzt und jodelt es, auch Schüſſe knallen, denn man ſchießt mit Schlüſſelbüchſen, mit Piſtolen und kleinen Kanonen. Dazu macht der Himmel ein recht freundliches Geſicht und ſpannt ſich glänzend blau und klar über die ver⸗ gnügte Menſchheit aus. Goldener Sonnenſchein liegt über Berg und Thal, die Fernen ſind tiefblau und doch ſo herrlich klar, in den näher liegenden Wie⸗ ſen und Wäldern zeichnet ſich ſcharf jede Biegung des Terrains, ſowie einzelne Gebüſchgruppen, ja hie und da erkennt man jeden Baum an der eigenthüm⸗ lichen Färbung, die er angenommen; dieſer ſcheint röthlich, jener gelblich, andere Blätter ſind noch friſch und grün wie in den erſten Tagen ihrer glücklichen Jugend.

Ja, die Sonne iſt lieb und freundlich; wie glänzen in ihrem Strahle dort die ſchönen Augen und die weißen Zähne, wenn der liebliche Mund ſich ſchelmiſch lachend öffnet, wie färbt ſie das ganze Geſichtchen ſo reizend, das, halb unter dem Rebenlaub verſteckt, durch einzelne Streiflichter der Sonne ſo prächtig beleuchtet wird. Aber auch ernſtere Dinge beſcheint ſie. Die weiße Weſte des Herrn Stadtdirectors und die röthliche Naſe des Ober⸗ tribunalraths, nicht zu vergeſſen die bunten flatternden Bänder von deren Ehegattinnen und die forſchenden Blicke junger, beuteluſtiger Aſſeſſoren und Offiziere, die ſo gern unter das Rebenlaub ſchauen, weniger auf die Trau⸗ ben, als auf die hübſchen Augen, von denen wir vorhin ſprachen. Zu ihrem Privatvergnügen kokettirt die Sonne noch mit dem funkelnden Wein, ihren lieben Kindern früherer Jahre in Gläſern und Flaſchen, vergißt aber dabei nicht, auch einen Blick dem Säuglinge von dieſem Jahre zu ſchenken, der noch unbeholfen und ungelenkig iſt wie alle Neugeborenen.

Die gleiche Luſt herrſcht aber in guten Jahren um dieſe Zeit überall; mag das Beſitzthum groß oder klein ſein, man veranſtaltet ſeinen Freunden einen Herbſt, ja, wer nur ein Kartoffelland ſein eigen nennt, mit einer Laube von wildem Wein oder Feuerbohnen überrankt, der bittet einige Be⸗ kannte zuſammen und ſollte er auch den nöthigen Korb voll Trauben beim benachbarten Weingärtner kaufen müſſen. Und hier amüſirt man ſich viel⸗ leicht ebenſogut wie dort bei dem reichen Baumeiſter, der ſeine achtzig Eimer jedes Jahr macht und den Eingeladenen nut vortrefflichen 1846er vorſetzt, ja, an dieſen Tagen iſt die Luſt gleich groß hier unter dem Bretterdache wie dort im ſchönen Garten des Landhauſes oder wie auf den Terraſſen jener Villa, die M von den Thoren der Stadt auf einem kleinen Hügel