Gefährliche BPlumenſträuße. Von F. W. Hackländer.
Wer die Freuden des Herbſtes recht genießen will, der muß ſich im Monat Oktober einige Zeit in einer Stadt aufhalten, die von Weinbergen umgeben iſt. Kann er ſich zu ſeinem Beſuch ein vortreffliches Jahr aus⸗ wählen, ſo iſt das um ſo beſſer, denn nur wenn der Trauben viele ſind, wenn die Sonne ſie recht gezeitigt und gebraten hat, ſtrahlt alles in beſon⸗ derer Luſt und Freude und iſt das Feſt des„Herbſtes“ ein wahres Volks⸗ feſt. Iſt alsdann doch ſchon der Kreuzer in der Hand des Schulknaben eine ganz genügende Summe, um ſich ein paar gute Weintrauben anzuſchaffen, und ſieht man den vergnügt lächelnden Geſichtern derſelben wohl an, daß die Beeren weich, der Saft ſüß iſt. Das gewöhnliche Getreibe auf den Straßen hat ſich um dieſe Zeit noch durch eine Menge einſpänniger Karren vermehrt, auf denen ein großes Faß ruht, welches von einem gewöhnlichen Arbeitspferde, meiſtens in ſchwerfälligem Trabe, zu den Thoren herein durch die Straßen geführt wird. Das Faß iſt von dem überfließenden Moſt roſig gefärbt, ebenſo das Geſicht des Fuhrmanns, der überhaupt vor Wonne und jungem Wein ſtrahlt, und nun den Vorüberwandelnden zunickt, die dem neuen Bachus lachend nachblicken, der mit geſpreizten Beinen vor ſeinem Faſſe ſteht. Alle Höhen, welche die Stadt umgeben, ſind belebt; Spazier⸗ gänger klettern aufwärts, neben ihnen Weingärtner mit den ſchweren Büt⸗ ten auf dem Rücken, um die Trauben zuſammen zu tragen. Hier auf einem Kreuzwege ſind große Fäſſer aufgeſtellt, bis zum Rande mit den glänzen⸗ den, farbigen Beeren angefüllt, auf denen ein paar Buben luſtig herum⸗ ttreten, um ſie zu zerquetſchen und den Saft zu befreien. Dieſe kleinen Arbeiter werden beneidet von den Stadtkindern, die vorübergehen, denn, denken ſie, jene brauchen ſich nur zu bücken, und können eſſen ſo viel ſie wollen.
Sausblätter. Jahrg. 1855. 1. Bd. 1


