Jahrgang 
3 (1867)
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472 Zur Geſchichte der Taſchenſpielerkunſt.

Uebereinſtimmung ſolcher Kunſtſtücke mit den heutigen Tages noch producir⸗ ten zeugt. Hierher gehört auch die ſogenannte Schwertſchluckerei. Plut arch läßt einen Athener im Spotte über die ſpartaniſchen Schwerter ſagen, ſie ſeien ſo kurz, daß ſie von den Gauklern leicht verſchluckt werden könnten. Der Apparat, den die Alten oft zu dieſem Kunſtſtücke, ſicher aber auf der Bühne brauchten, kam unſerem Theaterdolche ſehr nahe. In dem Romane des Achilles Tatius findet Jemand in einem aus dem Meere gezogenen Kaſten einen Dolch, deſſen Klinge, ſobald man ihn zum Stoße zückte, in einer Spalte des Griffes verſchwand. Widerwärtiger als dieſe Schwertſchluckerei war dasFrühſtück der Gaukler, wobei dieſe, nach Chryſoſtomos, ſpitzige Nägel und alte Schuhe zerkauten und verſchlangen! Da liest man doch noch lieber von dem berühmten Vielfraße des Kaiſers Aurelian, der an einem Tage einen ganzen Eber, 100 Brode, einen Schöps und ein Ferkel verzehrte und dazu mehr als eine Tonne Wein trank! Der Lokrer Dioprithes, welcher ſich in Theben ſehen ließ, umgürtete ſich mit Schläuchen, die mit Milch und Wein gefüllt waren, preßte dieſelben leer und pumpte die Flüſſig⸗ keiten aus ſeinem Munde wieder heraus. Ein angehender Barnum ſcheint ferner der bei Griechen und Römern bekannte Matreas aus Alexandrien geweſen zu ſein. Dieſer Schwindler gab vor, ein Thier zu beſitzen, das ſich ſelbſt auffreſſe, weßhalb man noch zu Athenäus Zeit einander oft im Scherze fragte, was für ein Thier das des Matreas ſei? Außerdem hielt er Vor⸗ träge, die, nach ihren Themen zu urtheilen, gewiß amüſanter waren, als die Vorträge, welche gegenwärtig allerhand Schöngeiſter dem Publikum präten⸗ tiös auftiſchen. Sogar in gewiſſe Theile des Kopfes ſtießen ſich die Gaukler zu Antiochia Nägel, und der Ausdruckein vernagelter Kopf findet ſich ſchon bei Chryſoſtomos, allerdings erſt in eigentlicher Bedeutung.

Auch die Kunſtſtücke unſerer Feuerſpeier und Unverbrennlichen ſtanden bereits viel auf dem Repertoir der alten Taſchenſpieler. Die Gauklerinnen auf der Hochzeit des Aurelius Carinus, Sohn und Mitregenten des Kaiſers Carus, hauchten auch Feuer aus dem Munde. Der ſyriſche Sklave Eunus, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. den erſten ſieiliſchen Sklavenaufſtand erregte und leitete, bediente ſich desſelben Kunſtſtücks, um ſeine göttliche Sendung zu beglaubigen, indem er das Feuer aus einer durch⸗ bohrten und mit Schwefel gefüllten Nuß blies. Durch ein ähnliches, Wun⸗

der bezeugte zu Hadrian's Zeit der jüdiſche Rebell Barkocheba ſeinen tief geſunkenen Landsleuten ſeinen Meſſiasberuf, und ließ ſich der Kaiſer