Von Hugo Schramm. 471
Verſuchen wir einmal, das Kunſtſtück des Geiſtercitirens nachzumachen, indem wir zur Kurzweil der Leſer den Geiſt der Taſchenſpielerkunſt ver⸗ gangener Zeiten aus dem Grabe der Geſchichte heraufbeſchwören, zu wel⸗ chem Zwecke uns Dr. Herm. Göll's„Kulturbilder aus Hellas und Rom“ als trefflicher„Höllenzwang“ hier dienen möge.
Weniges war von der Wirkung der Naturkräfte auf einander im Al⸗ terthum gekannt, Manches geahnt, Vieles erdichtet; da hatte alſo die Phan⸗ taſie ein weites Feld, auf dem ſie ſich ſchrankenlos ergehen konnte. Im Volke erzählte man ſich die merkwürdigſten Dinge und die Naturforſchung war untergegangen in nebelhaften Sagen. Kein Wunder, wenn die Gaukler der Alten, obgleich ihnen die Hülfe der Experimentalphyſik und Chemie faſt ganz abging, vielfach für wirkliche Zauberer gehalten wurden und ſich nur verhältnißmäßig aufgeklärte Herren, wie z. B. Seneca, an ihren Taſchen⸗ ſpielereien erluſtirten, weil ſie ſich an der„Täuſchung und dem Betrug“ dabei ergötzten.„Wenn du mich belehrſt, wie es zugeht,“ ſagte einmal Seneca zu einem ſolchen Saccularius, ſo verliere ich den Geſchmack an deinen Kün⸗ ſten.“ Wenn man übrigens auch dem behangenen Tiſche, der blendenden Kerzenbeleuchtung und dem die Aufmerkſamkeit ablenkenden Apparate un⸗ ſerer„Profeſſoren der Magie“ gegenüber die Einfachheit und die durch die Tageshelle und den Mangel an Deckmitteln bewirkte Bloßſtellung der alten Eskamoteure hervorgehoben hat, ſo darf man nicht vergeſſen, daß nach dem Zeuguiſſe des Plato ſchon die Alten eine Schranke zwiſchen ſich und die Zu⸗ ſchauer ſtellten.
Das allergewöhnlichſte Taſchenſpielerſtück beſtand in einem Spiele mit Kugeln oder Steinchen und Bechern— die Griechen nannten davon die ganze Zunft Pſephopäktä(Steinſpieler) oder Pſephokleptä(Stein⸗ diebe); unſer„Gaukler“ ſtammt jedenfalls von der mittelalterlichen Benen⸗ nung Cauculator oder Caculator und dieſe vom griechiſchen Kaukon, d. h. Näpfchen, Schüſſelchen, ab.— Dabei ſetzten die Kunſtſtückmacher z. B. auf einen Tiſch drei Teller oder Becher und legten in jeden ein kleines, weißes, rundes Steinchen; dieſe eskamotirten ſie dann bald alle drei in einen Tel⸗ ler, bald in den Mund, um ſie zu verſchlucken und nachher eines aus der Naſe, eines aus dem Ohr, eines aus dem Kopfe zu ziehen. Außer vielfachen Erwähnungen dieſer Hexerei mittelſt großer Gewandtheit und Geſchwindig⸗ keit bei andern Schriftſtellern findet ſich in einem Werke des griechiſchen Epiſtolagraphen Alkiphron eine genaue Schilderung, die von der größten


