Jahrgang 
3 (1867)
Einzelbild herunterladen

466 Aus Wetzlar's Vergangenheit und Gegenwart.

ſehen, vieles gehört, jetzt herbergt es Soldaten, die in den ſchönen Sälen und großen Räumen vorzüglich logirt ſind, eine Kaſerne, wie ſie nur ge⸗ wünſcht werden kann. In ihrem Wappenſchilde iſt der Reichsadler dem preußiſchen gewichen, in einem alten Ornament an einer Brücke oder einem Brunnen iſt das doppelköpfige Wappenthier noch wahrzunehmen. Aber trotz des, und zwar entſchieden hervortretenden Charakters der Rococo⸗Zeit vielleicht nicht unweſentlich eben deßhalb macht die Stadt einen freund⸗ lichen und behaglichen Eindruck. Man geht und ſteht doch gern auf einem Boden, wo man an etwas zurückzudenken hat, was der Mühe werth iſt. Die Kammergerichtszeit nun gehört dem Staatsleben Deutſchlands und iſt in ſeiner Rechts⸗ Reichs⸗ und Kulturgeſchichte ſicher ein nicht unwichtiges Mo⸗ ment. Die andere Erinnerung aber an das Wetzlar des vorigen Jahrhun⸗ derts geht die geiſtige Welt Deutſchlands an und wird vielleicht kaum früher vergeſſen werden als jene.

Ihre Urſache war die Veranlaſſung, daß ein Buch geſchrieben wurde, welches allen Reichthum der deutſchen Sprache offenbarte und einen Schatz von Gefühl und Empfindung zu Tage förderte, der bis dahin dem Deutſchen verborgen geweſen war. Der beklagenswerthe junge Schwärmer, welcher mit Selbſtmord ſeine Irrthümer und ſeine Seelenleiden ſtrafte, weil er nicht im Stande war, ihnen etwas entgegenzuſetzen, was ſie geläutert oder

gelindert haben würde, hat damit dem deutſchen Seelenleben einen Ton ent⸗ lockt, der noch nicht erklungen war. Er hat lange nachgehallt, lange nach⸗ gezittert.

Zwei junge Männer, Jeruſalem und Goethe, liebten beide dasſelbe junge Mädchen, Lotte, die Verlobte eines Dritten, beide nach ihrer Eigen⸗ thümlichkeit, nach ihrer geiſtigen Anlage. Jeruſalem liebte aus, ganz, zu

Ende, er rang mit ſich, er kämpfte blutig, redlich, er unterlag. Begreifen läßt ſich das, vertheidigen nicht. Goethe liebte auch hier wie früher ſchon

und ſpäter oftmals, bis zu einem gewiſſen Grade, bis die Glut erkaltete und erloſch. Die Gefühle des jungen Jeruſalem verſchmolz er dann mit ſeinen eigenen, dieſen damit eine höhere Weihe, eine größere Tiefe verleihend. An Jeruſalems Seelenleiden machte Goethe ſeine Seelenſtudien, er lernte aus ihnen, wie es in einem armen gequälten, irrenden Menſchenherzen ausſehen kann, er ſondirte dieſes mit großem pſychologiſchem, faſt mitleidloſem Scharf

blick. Die Reſultate ſeiner Beobachtungen legte er dann in jenem unver⸗ gleichlichen, ſchmerzlich ſchönen, gefährlichen Buche nieder, gleichſam ein