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Von Anton Burg. 465
Schönere verheert hatte, nach Wetzlar verlegt worden. Es wurde damit der etwas herabgekommenen Stadt wieder aufgeholfen, ſie blühte raſch und ſicht⸗ bar auf, und der Begriff von Pracht und Glanz und von wiſſenſchaftlicher Bedeutung, in vornehmſter Form dargelegt, war bald nicht mehr von ihr zu trennen. Jetzt iſt ſie ein ſtiller Ort, wo friedliches Gewerbe getrieben wird, das in ſeinen Zwecken kaum über ſein Weichbild hinaus geht, und nur ein Kleinhandel entſtand, der ſich nach und nach auf die Meſſen und Jahrmärkte Süddeutſchlands erſtreckte.
Die Stadt hat mithin, ſeit ſie ihre Reichsunmittelbarkeit verlor, in ihren Verhältniſſen der Wechſel manche erfahren, abgeſehen davon, daß ſie von denjenigen ihrer inneren Zuſtände und Vorkommenheiten noch ſehr viel mehr erzählen kann. Sie war bekanntlich der Schauplatz einer tragiſchen Begebenheit, die an ſich, und wenn ſie vereinzelt geſtanden, nicht von großer Bedeutung geweſen wäre, da ſie nur einzelne Perſönlichkeiten betraf; in ihrem Zuſammenhang jedoch und beſonders in ihren Folgen eine geiſtige Ausdehnung erhielt, der große Wichtigkeit beizulegen iſt. Wetzlar war im vorigen Jahrhundert die Stadt der Juriſten und der unglücklich Liebenden, der Allongenperrücken und des blauen Fracks mit gelben Knöpfen, des er⸗ ſtickenden Aktenſtaubes und eines hohen Liedes von der Liebe, einzig in ſei⸗ ner Art.
„Zu Kammergerichtszeiten“, iſt der Stoßſeufzer, den man noch oft ver⸗ nimmt, man begreift ihn, denn ſie waren Wetzlar's goldenes Zeitalter. Wür⸗ den die 80,000 Prozeßakten, die in dem Archivgebäude, an welchem das deutſche Reich hundert Jahre lang hat bauen laſſen, ganz entſprechend den oft nicht kürzer währenden Prozeſſen, auch jetzt davon ſchweigen, die Steine würden reden— nämlich die alten hohen und breiten Häuſer, mit unendlich langen Fenſterreihen, ganz dazu angethan, recht viele und auch recht elegante Wohnungen zu beſchaffen. Die Herren von hohem Adel und aus vornehmer Familie, welche damals wie der Gebrauch es wollte und die Mode mit ſich brachte, in Wetzlar Jurisprudenz traktirten und ſich auf eine etwaige Mini⸗ ſtercarriere oder einen Geſandtſchaftspoſten vorbereiteten, wollten ihrem Stande gemäß gut untergebracht ſein. Schön ſind dieſe Gebäude eben nicht, etwas Rococo, aber ohne Zierlichkeit, praktiſche Zwecke darlegend, von Archi⸗ tectur keine Spur, aber merkwürdig hin und wider, beſonders ihrer früheren Bewohner wegen.
Des Reichs Kammergerichtsgebäude iſt das zuerſt, es hat vieles ge⸗ Hausblätter. 1867. III. Bd. 30


