—— ——————
—
—— —— T
—
—
462 Zur Geſchichte der Anſiedelung der Juden in Niederdeutſchland.
In dieſer Art geht es noch weiter fort, und dann beantworten die gott⸗ eifrigen Herrn einige Einwürfe, welche ihnen der Senat auf eine ſchon früher von ihnen übergebene Erklärung wider die Juden gemacht hatte. Die Einwürfe des Senats waren folgende geweſen: I. Die Juden haben keine Synagogen, ſondern nur Schulen, dann ſie haben keinen Tempel allhier.— II. Sollen ſie denn wie das ſtumme Vieh leben, ohne allen Gottesdienſt und Religion?— III. Man wird ſie doch nicht bekehren.— IV. Man kann ſie nicht überweiſen, daß ſie in ihren Schulen läſtern.— V. Man hat Voll⸗ macht von der Bürgerſchafft, daß ihnen Synagogen ſollen vergönnet wer⸗ den.— VI. Man kann die Gewiſſen nicht zwingen.— VII. Sie haben die Poſſeſſion von vielen Jahren hero.— VIII. Man will die Juden hinaus⸗ jagen und Hamburg zum Dorffe machen.— IX. Man kann ſie mit einem Eyd zwingen, daß ſie nicht läſtern wollen.
Alle dieſe Einwürfe weiß das ehrwürdige Miniſterium natürlich gründ⸗ lichſt zu widerlegen, und dieſes geſchieht zuweilen ſogar in einer ſehr derben und draſtiſchen Manier. Zum Beiſpiel dafür ſtehe hier die Antwort auf den letzteren Einwurf:„ad IX. Resp. Die Juden können wol einen Eyd ſchweren, aber daß ſie ihn halten, wird nicht geglaubet. Trau keinem Juden auf ſeinen Eyd, keinem Soldaten auf grüner Heid und keinem Mönch auf ſein Gewiſſen; wer das thut, der wird von allen dreien———. Am Feſte Purim thun die Juden ein Gebeth, daß GOtt ſie wolle absolviren von dem Eyd, zu welchem ſie von den Chriſten gezwungen worden.“
Da die Geiſtlichkeit in corpore ſo wider die höchſte Obrigkeit ſich aus⸗ ließ, ſo werden ſicherlich die heiligen Zornworte der einzelnen Prediger von den Kanzeln herab nicht minder, ſondern im Gegentheil noch weitaus ſchärfer und giftiger gedonnert haben. Trotzdem ſah aber der Rath noch immer durch die Finger, aber die Prediger ermüdeten nicht die Bürger aufzuhetzen, und ſo drangen denn letztere in dem mit dem Senat im Jahre 1674 abge⸗ ſchloſſenen Receß darauf, daß den deutſchen Juden gar kein Wohnen und überhaupt nur ein jeweiliger Aufenthalt von drei Tagen in der Stadt ge⸗ gönnt werden ſolle, wofür ſie jedesmal einen Gulden zu erlegen hätten. Obſchon dieſe Beſtimmung niemals zur wirklichen Ausführung gekommen i*ſt, hatte ſie doch zur Folge, daß ſich manche der hamburgiſchen Juden in's Brandenburgiſche, Hannöveriſche und Mecklenburgiſche wandten. Wiederum auf Andringen der Bürgerſchaft wurde 1697 den portugieſiſchen Juden ein jährlicher Schoß von 20,000 Mark und den deutſchen Juden von 30,000
— ꝗ-—


