Jahrgang 
3 (1867)
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446 Bürglen auf der Höhe.

kennen?Da ich mich ihm lügneriſch in ſeinem Amtszimmer als Diebin vorſtellte, hat er mich an dieſem Ring erkannt, den er mir vor mehr als fünf Jahren geſandt.Du hatteſt ihn alſo vergeſſen?Nein, ich dachte täglich an ihn, ſein Andenken iſt mit mir groß geworden.Aber weil er dich einſperren ließ, kannſt du ihn nicht mehr ausſtehen?Gunädigſter Herr, ich ſah's ihm an, es that ihm weher als mir.Er hat dich wohl oft beſucht und getröſtet.Das that er nie, nur bei meinen Verhören kamen wir im Amtslokal zuſammen.Und im Garten, in welchem er dich ſpazieren ließ?Auch dort nicht, und doch war ich dort nicht ganz allein; ich ſah ihn wohl, wie er hinter dem Fenſter droben ſtund und gar be⸗ trübt nach mir hinunterſchaute, die ich kaum wagte, die Augen nach ihm auf⸗ zuheben.Heb' ſie jetzt frei und fröhlich nach ihm auf, du gutes, edles Kind, aber ehe du ihn wieder ſiehſt, gib mir die Antwort, die du mir noch ſchuldig biſt: was möchteſt du ihm zu Liebe thun?Was Sie befehlen, gnädigſter Herr.Nimm dich in acht, ich könnte dir etwas befehlen, das dir zu ſchwer würde. Doch nein, das ſchwerſte haſt du ja ſchon gethan, was du weiter thun kannſt, das wird voll Lieb' und Freude ſein.

Er klingelte, der Amtmann kam.Herr Amtmann, traben Sie gefäl⸗ ligſt nach Waldheim und ſchaffen ſchleunigſt den Förſter Beiſchlag her. Der Amtmann rannte davon, ſeine Gnaden aber ſprachen zu Wendelieb:Du könnteſt mir inzwiſchen wohl unſeren Schloßgarten mit ſeinen Blumen zei⸗ gen. Der Amtmann verſteht ſich darauf, er weiß jede Blume nach Gebühr zu ſchätzen und wir denken ihm ein Prachtexemplar in die Rabatte zu pflan⸗ zen. Der Garten, eine geräumige Terraſſe auf der Südſeite des Schloſ⸗ ſes, war im ſteifen Stil ſeiner Zeit angelegt, der den Schatten für einen Flecken der Schönheit hielt, die Bäume in Pyramiden⸗ und Kugelform ſtutzte und die Gärten nur um ihrer Wege willen anlegte, an die ſich die Blumen⸗

beete als Nebenſache anlehnten. Der Blumenflor in ſeiner reichen Mannig⸗

faltigkeit glänzte im Sonnenlicht wie ein Juwelenmagazin und ſtach gar

fremd gegen die phantaſiereiche Landſchaft ab. Der Abt aber ſah mit Be⸗ friedigung die maſſenhafte Blumenpflege und bat die Begleiterin, ihm jeden Morgen ein Bouquet in ſein Zimmer zu ſchaffen. Er ſelbſt brach ſich eine Auswahl Nelken und Roſenknospen und gab ſie dem Mädchen, um einen Kranz daraus zu flechten. Während ſie an der Arbeit ſaß, inſpieirte er mit Kennerblicken die Blumen in ihren Rabatten, bis ihn der Kammerdiener mit der Meldung unterbrach:Der Herr Amtmann laſſen unterthänigſt ſich mit dem Förſter von Waldheim anſagen.Können beide hieher kommen,