Von Walderich von Sanct Trutbert. 445
Vater?“—„Vierhundert Gulden und kein Vermögen.“—„Nicht mehr, da ſeid ihr herangewachſen und reichte das kleine Einkommen nicht mehr aus? Warum batet ihr uns nicht um ein Gratial? Sind wir ja doch nicht gewillt, unſere Diener Noth leiden zu laſſen.“—„Mein Vater ſagte mir und den Geſchwiſtern nie etwas von ſeiner Noth, wir hielten uns für geborgen.“— „Und wurdeſt doch ſo tief von ihr getroffen, daß du dich an unſerer Kaſſe vergreifeſt? Nach den Unterſuchungsakten und deinen darin niedergelegten Geſtändniſſen wußte dein gleichgültiger Vater nichts von ſeines Hauſes Noth, die zunächſt nur dir bekannt war, weil allein du ſeinen Haushalt geführt. Ich frage dich als dein Landesvater und als der Hirt deiner Seele: iſt dein Vater unſchuldig?“— Keiner Antwort fähig, warf ſie ſich zu ſeinen Füßen nieder.—„Ich kann derlei nicht ausſtehen, ſteh' auf und ſprich die Wahrheit.“—„Gnädigſter Herr, ich kann nicht!“—„Weil dein Vater ſchuldig iſt. Biſt du's mit? Kannſt du wieder nicht antworten? Auch dann nicht, wenn ich die Schuldigen begnadige? Wen hab' ich zu be— gnadigen, dich, den Vater oder euch Beide?“—„Den Vater allein,“ liſpelte ſie kaum hörbar.—„So haſt du den Amtmann mit Wort und Unterſchrift ganz raffinirt belogen. Warum thateſt du's?“—„Um meinen Vater und meine Geſchwiſter zu retten.“—„Dein Vater hat dich mit Drohungen dazu gezwungen?“—„Nein, er hat mir nie gedroht.“—„So hat er dich argliſtig überredet.“—„Nein, ich hab' ihn überredet, hab' ihm ſogar ge⸗ droht, mich zu tödten, wenn er mein Opfer nicht annehme; denn ich ſah' ihn in der äußerſten Verzweiflung und im Begriff, ſich eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen. Da erfaßte mich ſein und ſeiner Kinder Elend und Unter⸗ Lang. Ich log ihn unſchuldig, mich log ich ſchuldig, mög' es mir Gott ver⸗ zeihen, ich dachte es ja gut zu machen.“—
„Wer hat aber die entwendete Summe bezahlt?“ fing der Herr nach aner Pauſe wieder an.„Weißt du's oder weißt du's nicht?“—„Gnä⸗ digſter Herr, ich kann es nur vermuthen.“—„Auf wen fällt denn deine Vermuthung?“—„Auf den Herrn Amtmann.“—„Ei, wie käme der dazu? Vem zu Liebe kann er's denn gethan haben?“—„Ich glaube, mir zu Liebe.“ —„Da möchteſt du ihm wohl auch etwas zu Liebe thun?“— Sie erröthete in großer Verwirrung und konnte nichts antworten.—„Wie oft ſprachet inr denn miteinander, ehe er dich in ſeiner großen Menſchenkenntniß ver⸗ heftet hat?“—„Ein einzigesmal ſprach ich ihn zuvor.“—„Und wann?“ —„Vor mehr als fünf Jahren.“—„Und ſeitdem?“—„Seitdem ſah ich inn von ferne und erkannte ihn nicht.“—„Wo gabſt du dich ihm zu er⸗


