440 Bürglen auf der Höhe.
Hausweſen den jüngeren Schweſtern übergab, welchen ſie ihre Kindespflicht mit Bitten und Ermahnen auf die Seele band.
Am folgenden Vormittag ſtund ſie vor dem Amtmann und kündigte ſich als die Tochter des Förſters Beiſchlag an.„Ihr Vater iſt vorgeladen, nicht Sie,“ ſprach der Amtmann;„hat er ſich etwa flüchtig gemacht?“—„Herr Amtmann, mein Vater iſt unſchuldig,“ verſetzte das Mädchen,„ich bin die Schuldige, habe ohne ſein Wiſſen die Kaſſe beſtohlen. Der arme Mann iſt Tag und Nacht im Wald beſchäftigt, hat das Hausweſen und meine ſieben Geſchwiſter ganz allein mir überlaſſen, mir alles anvertraut und ich wollte ihn und uns nicht in Armuth ſehen. Da beſtahl ich die Herrſchaft und hielt ihn aufrecht, deſſen rechtliches Einkommen unſere Bedürfniſſe nicht befrie⸗
digte. Hier ſteh' ich und bin bereit zu büßen. Schonen Sie den ſchuldloſen
Vater, entziehen Sie ihm ſein Amt und ſeine Ehre nicht.“— Der Amt⸗ mann ſchrieb ihre Angabe nieder und reichte ihr die Feder zur Unterſchrift. — Mit zitternder Hand ſchrieb ſie:„Wendelieb Beiſchlag“ und an ihrem Finger glänzte Friedrichs Rubinring.
Alle Romantik ſeiner Jugend wacht wie durch einen Zauberſchlag in ihm aufV; vor ihm ſteht, die ihn als liebliches Kind im Park einſt gerettet, ſie ſteht vor ihm als hocherblühte Jungfrau, der er in leidenſchaftlicher Neigung zu Füßen fallen möchte, und dieſe Jungfrau iſt eine entehrte Verbrecherin. Erblaſſend wendet er den Blick von der ſchönen Geſtalt weg, ſie aber ſinkt, von einem großen Schmerz durchſchüttert, auf einen Stuhl und verhüllt ihr Angeſicht mit den Händen.„Muß ich ſo Sie wiederſehen?“ ſpricht er mit mühſam errungener Faſſung;„Sie, das engelgute Kind, das einſt rettend in mein Gefängniß trat, ſoll ich gefangen legen? Sie konnten ſich ſo tief er⸗ niedrigen? Ich verliere den Glauben an die Menſchheit, ſeit Sie mir ſagten, was Sie gethan haben, und vor Mitleid möchte mein Herz verbluten. Widerrufen Sie Ihre Selbſtanklage, oder ſagen Sie wenigſtens etwas zu ihrer Milderung. Vielleicht haben Sie doch nicht die ganze große Summe genommen?“—„Iſt mein Vater außer Gefahr?“—„Er iſt es, wenn Sie auf Ihrer Angabe beharren und er ſelbſt noch darüber vernommen ſein wird.“—„So thun Sie denn an mir, was Ihres Amtes iſt.“— Er las ihr die Anklage wider ihren Vater auf die Summe von achthundert Gulden vor, die er erweislich eingenommen und nicht überliefert hatte, und ſie be⸗ kannte ſich ſpeciell zu der vollen Entwendung. Die von dem Vater endlich während der Unterſuchung beigebrachten Einnahmverzeichniſſe ſtellten das


