Von Walderich von Sanct Trutbert. 439
„Nein, Vater, du biſt nicht verloren, noch lebt jemand, der dir helfen kann. Hör' mich geduldig an, ſitz' her zu mir und laß mir die Flinte.“
Sie hob die Flinte vom Boden auf, ſchoß ſie los und ſprach:„wenn du verloren gehſt, ſo gehen deine Kinder mit verloren, laß mich für euch Acht zum Opfer werden; es iſt ja doch beſſer, wenn ein Menſch ſtatt vieler leidet. Unterbrich mich nicht. Ich weiß es jetzt, oh, warum offenbarteſt du mir die Noth nicht früher? Du haſt der Herrſchaft Gut angegriffen, um drängende Gläubiger zu befriedigen, das Lehrgeld für zwei Söhne aufzubringen und uns zu nähren und zu kleiden. Und wir ließen's uns wohl ſein, während der Wurm in dir nagte! Oh, hätt' ich deine Noth gewußt, ich hätte mit den Schweſtern Tag und Nacht gearbeitet, um dich ehrlich aufrecht zu erhalten; wäre nicht wie guter Leute Kind aufgezogen, ſondern als arme Magd. War⸗ um lebt' ich im Leichtſinn hin, ohne je nach meines Vaters Angelegenheiten zu fragen? Ich bin ja kein Kind mehr, er hat mir ſein Haus und ſeine Kin⸗ der wie einer Mutter anvertraut. Sieh', Vater, ich bin deine Mitſchuldige; du fieleſt in Sünden uns zu lieb, und ich beging des ſorgenloſen Leichtſinns große Unterlaſſungsſünde. Nur ich ſoll büßen, meine Buße nur kann euch retten. Morgen gehe ich ſtatt deiner vor das Amt und geſtehe, ich habe das Geld entwendet, das Holz habeſt du verkauft, den Erlös einliefern ſollen, wie du's alle Vierteljahre thun mußt, und habeſt die Summe vermißt, weil ich ſie allmälig aus deiner Kaſſe für mich und das Haus genommen.“
„Wenn der Amtmann dein Geſtändniß auch annimmt, ſo bin ich der Rabenvater nicht, der dein Opfer annimmt, der deine Unſchuld in Schande und Ketten wirft,“ rief der Alte.„Laß mich ſterben und ſieh' zu, wie du für deine Geſchwiſter ſorgſt.“—„Vater, was kann ich für ſie thun, mit der Schuld deines Todes auf dem Gewiſſen? So wahr Gott im Himmel lebt, wenn du mein Anerbieten verſchmähſt und dich umbringſt, ſo wird dein Kind nach dir zur Selbſtmörderin. Für euch laß mich dulden, für dich nicht nur, für die vielen, die ich nicht des Hungers Beute werden laſſen darf, für das jüngſte, das mir die ſterbende Mutter an's Herz gelegt. Das Bewußtſein meiner Treue wird mich in allem Elend aufrecht halten und Gott wird mit mir ſein, der den Entſchluß mir eingegeben.“—„Und ich ſoll an dir zum hundertfachen Schurken werden?“—„Nein, Vater, was Gott mir aufge⸗ legt hat, das nimm auch du von Gott an. Lebet glücklich und betet für mich!“ Sie fiel ihrem Vater um den Hals und ging der Heimat zu, wo ſie das


