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436 Bürglen auf der Höhe.
Sohn des Waldes, die glückliche Knabenzeit verlebt hatte. Mit Rührung begrüßte er den Albfluß im gewundenen Waldthal; aber mit ernſtem Segen ſchaute ihn die goldene Weltkugel vom Kuppeldach der Rotunde an, die der Oheim nach dem Pantheon Roms erbaut hatte. Zwanzig korinthiſche Säu⸗ len tragen ihn, des Kloſters mehr erhabenen, als erbaulichen Tempel mit den glänzenden Altären und dem Marmorchor, der ſich im Oſten an die Rotunde lehnt. Im Viereck zieht ſich die Abtei, ein fürſtlicher Palaſt, um ihre Kirche her.
Friedrich ſchritt die breite Steintreppe in die Prälatur hinauf und traf den Oheim einſam in ſeinem Bibliothekzimmer an. Er ſtand einem der edel⸗ ſten Männer jener Zeit gegenüber, die mit Zopf und Puder langſam zu Grabe ging, um einer neuen freieren Weltepoche Raum zu machen. Das Gebiet der Abtei war ein kleines Fürſtenthum, das ſich über den ſüdlichen Schwarzwald und Rhein bis in den Kanton Aargau erſtreckte. Gerbert re⸗ gierte es mit Weisheit und Milde, und iſt ſeinem Volke heute noch unvergeß⸗ lich. Die Abtei blühte unter ihm, ein weitbekannter Sitz der Wiſſenſchaft,
Kunſt und Humanität, eine gaſtliche, nie leer werdende Herberge derer, die .
mit ihr nach den höchſten Gütern der Menſchheit ſtrebten und hier gefördert wurden, ohne daß der Abt und ſeine Conventualen den Gaſt ſcheel angeſehen oder durch Bekehrungsverſuche beläſtigt hätten, wenn ſein Glauben nicht der ihre war, denn ſie beſaßen neben ihrer klöſterlichen die allgemein menſchliche Bildung und überließen den Glauben des Gaſtes ſeinem Gewiſſen, wenn er bei anſtändigem und ſittlichem Betragen etwas Tüchtiges in Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft zu leiſten wußte.
Der Oheim, eine unterſetzte Geſtalt, vom Alter ſchon etwas vorgebeugt, trat ſeinem Neffen mit jenem vertraulichen Ernſt entgegen, den der Greis dem zu bieten pflegt, welchen er ſich zum tüchtigen Manne erzogen hat. Lang ruhte ſeine Rechte in der des geliebten Verwandten, lang weilte ſein Auge⸗ auf deſſen Angeſicht, ehe er ſprach:„Friedrich, du haſt's recht gemacht; was fangen wir nun weiter mit dir an? Fandeſt du ſchon einen dir angenehmen Wirkungskreis, oder bleibſt du bei uns? Wir binden dich an nichts. Ja, um eins bitt' ich dich, wähle den Kloſterberuf nicht, denn nicht fern iſt die Zeit, die ihn von ſich ſtößt, und ich meine faſt, er habe ſich ſchon überlebt. Iſt ihm ja doch die Wiſſenſchaft längſt über das Haupt gewachſen, wird doch die Bil⸗ dung immer allgemeiner, und das neue Geſchlecht wird Mittel finden, ohne unſere Zufluchsſtätten aufzukommen. Was dann aus der Frömmigkeit wird,


