426 Täuſchungen.
Ihrem Haupt zu halten, Sie zu ſchirmen und zu ſchützen, wie es einſt Ihr Vater gethan hat?“— Zitternd und ſprachlos ſtarrte ſie ihn an.„Es iſt ja nicht möglich— Sie täuſchen ſich!“ ſtammelte ſie endlich.
Unruhig forſchend blickte er in ihre Augen.„Ich täuſche mich? Ueber meine eigenen Empfindungen nicht; wohl aber wäre es möglich— Bertha, ſagen Sie mir wahr und aufrichtig, täuſchte ich mich darin, wenn ich zu hof⸗ fen wagte, daß Sie in mir den Mann ſähen, der im Stande wäre, Sie glücklich zu machen, das volle Vertrauen, die Liebe Ihres kindlichen Herzens zu gewinnen? Bertha,“ fuhr er nochmals fort und ſeine tiefe Stimme klang ſeltſam weich,„ich bitte um dieſe Liebe Ihres Herzens!“— Sie bebte am ganzen Körper und ſchlug die Hände vor's Geſicht.„Ich kann— ich darf ja nicht! Ich ſelbſt beſtimmte Sie für— für eine Andere!“
Er zog ihr die Hände vom Geſicht und ſagte faſt im Ton des Scher⸗ zes:„Griffen Sie ſo in mein Schickſal ein, Bertha? Und bis zu dieſer Stunde glaubte ich alleiniger Herr desſelben zu ſein! Bis zu dieſer Stunde,“ fügte er ernſter hinzu,„wo ich ſeine Entſcheidung in Ihre Hand legte.“— „Und Sie täuſchen ſich dennoch in mir!“ rief ſie erregt.„Ich bin kein Ideal, das habe ich noch nie ſo tief gefühlt wie jetzt, verdiene es nicht, daß Sie mich dafür halten!“—„Ich habe ein ſolches auch nie in Ihnen ge⸗ ſehen!“ ſagte er und wieder ſpielte jenes ihm eigene Lächeln um ſeine Lip⸗ pen.— Das unumwundene Geſtändniß machte ſie doch betroffen, und faſt ein wenig verletzt fragte ſie:„Und was ſahen Sie denn in mir?“—„Ein heißblütiges und aufwallendes junges Geſchöpf, in deſſen Bruſt aber ein warmes Herz ſchlägt; ein Kind, das ich an meine Bruſt nehmen möchte, auf daß es dort gedeihe und erſtarke, dort ſeine ſichere Wohnung finde in allen Stürmen des Lebens!“— Seine tiefen, dunklen Augen ruhten auf ihr, und es war, als ginge durch ſeinen Blick in ihrem Innern eine wunder⸗ bare Helle auf, deren Widerſchein ſich in ihren lieblichen Zügen ſpiegeltey und als er dann ſchweigend ſeine Arme öffnete, da ſank ſie laut weinend wie ein Kind, aber wie ein Kind zugleich jauchzend vor Seligkeit, an ſeine Bruſt.—
Wie lange er ſie ſo gehalten, was ſie alles mit einander geſprochen in dieſer Stunde— ſie wußte es ſpäter nicht: es war nur wie ein Traum voll unausſprechlichen, märchenhaften Glückes!— Zur vollen Erinnerung an die Wirklichkeit gelangte ſie erſt wieder, als Dellitz ſie endlich dem Pfarrhauſe zuführte, wo der Familie mitgetheilt werden ſollte, was ſich inzwiſchen be⸗


