Von F. L. Reimar. 427
geben hatte, und ein beklemmendes Gefühl bemächtigte ſich ihrer. Wie ſollte ſie den Freunden gegenübertreten, nun alles ſo ganz anders gekommen war, als ſie vorher gedacht und geplant hatte? Es war ihr, als würde ſie die Augen nicht aufſchlagen können.
Es blieb ihr aber kaum Zeit, ihr Benehmen zu überdenken, denn auf der Flur kam ihr Pauline raſch und aufgeregt entgegen, ergriff ſie an der Hand und zog ſie fort mit den Worten:„Wo ſteckſt du, Bertha? Komm' ſchnell mit, es handelt ſich um eine große Ueberraſchung!“— In demſelben Augenblick hatte ſich die Thür des Wohnzimmers geöffnet, und als Bertha, gefolgt von Dellitz, auf die Schwelle trat, hielt ſie einen Moment erſtaunt inne, denn ſie erblickte Anna an dem Arm eines Herrn, den ſie ſofort als den Kreisrichter Walden erkannte. Ehe ſie ſich noch beſinnen konnte, fühlte ſie ſich ſelbſt von der Freundin umſchlungen, die ihr in's Ohr flüſterte:„Ach, Bertha, du ahnſt nicht, wie unendlich glücklich deine Anna geworden iſt!“ Zugleich aber erhob ſich der Pfarrer von der Seite ſeiner Frau aus dem Sopha und rief den Eintretenden entgegen:„Wir bitten um Ihre Gratu⸗ lation für ein Brautpaar: meine Tochter Anna hat ſich vor einer Stunde mit dem gegenwärtigen Kreisrichter Walden verlobt!“
Ein freudiger Ausruf Dellitz' beantwortete die Mittheilung; aber Bertha jubelte laut auf und barg dann wieder ihr Geſicht an Anna's Bruſt. Dellitz trat zu ihr, ergriff ihre Hand und ſagte:„Glückwunſch um Glück⸗ wunſch! Nicht zwei, ſondern vier Herzen haben in dieſer Stunde ihren Bund für's Leben geſchloſſen. Ich empfehle mich und meine Braut Ihrer freund⸗ lichen Theilnahme!“—„Bravo, bravissimo!“ riefen der Pfarrer und Wal⸗ den wie aus einem Munde, während die Pfarrerin und die beiden jungen Mädchen Bertha in ihre Arme nahmen und ſie mit fröhlichen und zärtlichen Liebkoſungen überhäuften.
„Ich hoffte immer, daß das gleiche Ende zu gleicher Zeit für uns kom⸗ men würde!“ ſagte Anna.—„Du hoffteſt es, Anna?“ fragte Bertha ver⸗ wundert;„ahnteſt du denn—?“—„Ja freilich habe ich euch beiden in die Karten geguckt! Dellitz hat mich in die ſeinigen ſogar einen offenen Blick thun laſſen, und ich habe ihm gar vielerlei von unſerer Kleinen er⸗ zählen müſſen!“ entgegnete Anna lachend.—„Und nebenbei haben wir uns köſtlich über deine Blindheit amuſirt, Bertha!“ fiel Pauline ein. „Aber was meinſt du, wenn wir jetzt das Geſpräch über die Vorhänge


