422 Täuſchungen.
dann.—„Seine Sache ſteht nun natürlich weit günſtiger, namentlich da der Verwundete, welcher ſich einer Uebereilung anklagt, ſich ſelbſt für ihn verwendet. Es hat ſich nämlich herausgeſtellt, daß nicht Anton, ſondern ein anderer Commis ſich jene Veruntreuung hat zu Schulden kommen laſſen, und dieſer Umſtand hat denn viel dazu beigetragen, die That in einem mil⸗ deren Licht erſcheinen zu laſſen. Ich habe die Nachricht von einem Freunde, deſſen Vermittlung ich nachgeſucht hatte. Das Schlimmſte, was Anton nun noch treffen kann, iſt eine kurze Freiheitsſtrafe, der er ſich ſicher unterwerfen wird, um dann reicher an Erfahrung und feſter in ſeinem Innern in's Leben zurückzukehren.“—„Und in ſein altes Elend!“ konnte Bertha doch nicht umhin zu ſeufzen.
Noch an demſelben Tage konnte Dellitz dem jungen Mädchen jedoch mittheilen, daß Anton die Kunde mit überwallender Freude empfangen habe und mit einem Schlage wie neu geboren ſei. Auf ihre Frage, ob ſie ihn jetzt ſehen dürfe, bat er ſie, noch einige Tage, bis zu Antons völliger Herſtellung zu warten, und kündigte ihr zugleich an, daß er ſelbſt eine kurze Reiſe antre⸗ ten müſſe, die ihn etwa eine halbe Woche entfernt halten würde, daß aber in⸗ zwiſchen auf's beſte für die Pflege ihres Schützlings geſorgt ſei.
Bertha wunderte ſich über ſich ſelbſt, daß ſie, für welche ſonſt die ge⸗ ringſte Kleinigkeit eine Veranlaſſung zur heiterſten Stimmung zu ſein pflegte, nicht die Freude in ſich fand, womit ſie ihrer Meinung nach die glückliche Wendung in dem Geſchick ihres Pflegebruders hätte erfüllen müſſen. Ein ihr ſonſt fremdes, drückendes Gefühl war über ſie gekommen, das ihr die frühere fröhliche Sicherheit faſt ganz raubte und deſſen Grund ihr ſelbſt un⸗ klar war. Sie ſchob es zum Theil auf die Nachwirkung der überſtandenen Angſt und Sorge, zum Theil auf ihre Sehnſucht, Anton wiederzuſehen, von dem Dellitz' Gebot ſie immer noch getrennt hielt. Zuweilen begriff ſie nicht, warum ſie dieſem ſo ohne weiteres gehorchte, denn wenn er ihr auch immer⸗ hin Grund zur Dankbarkeit gegeben hatte, ſo rechtfertigte dies doch keines⸗ wegs die Tyrannei, welche er jetzt gegen ſie ausübte. Es gab Augenblicke, wo ſie ſehr böſe auf ihn war, und ihr Unmuth wuchs, als der zu ſeiner Rück⸗ kehr beſtimmte Termin verlief, ohne daß er wiederkam. Auch Anna war immer noch abweſend, und das war ein neuer Gegenſtand der Sorge, denn die alten Pläne wollte ſie keineswegs aufgeben. Ihre eigene Abreiſe ſtand vor der Thür und es ward ihr ſo ſchwer, von hier zu gehen, ehe die Ange⸗ legenheit, die ihr ſo am Herzen lag, entſchieden war! Wer ſollte denn über⸗
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