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Von F. L. Reimar. 421
reiften und fertigen Charakter.“—„Ja, aber ſein ſehnlichſter Wunſch iſt, von hier fortzukommen!“ warf Bertha geängſtigt ein.
Dellitz verſchwieg dem jungen Mädchen, daß es nur die Verzweiflung war, welche dem Unglücklichen jenen Wunſch eingegeben, eine Verzweiflung, die ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt hatte und die nicht allein aus jener unſeligen That entſprang. Er hatte durch jene Unterredung einen tiefen Blick in das Herz ſeines Schützlings gewonnen; es war ihm klar geworden, daß Anton ſeiner anmuthigen Pflegeſchweſter mit mehr als brüderlicher Liebe zugethan war und daß ihn die Hoffnungsloͤſigkeit dieſer Leidenſchaft verzehrte. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens und ſagte:„Verſpre⸗ chen Sie mir jetzt eins: daß Sie vor der Hand den Kranken nicht wieder beſuchen wollen!“—„Unmöglich!“ rief ſie erſchrocken aus.„Es wäre feig und lieblos von mir, wenn ich ihn in ſeiner Noth verlaſſen wollte.“—„Und würden Ihre Gänge unbemerkt bleiben, würden ſie nicht gerade dazu dienen, das Verſteck des Unglücklichen zu verrathen, falls ihm, wie zu erwarten iſt, nachgeſpürt werden ſollte?“—„Sie haben Recht,“ erwiderte ſie bekümmert. „Ich muß Ihnen allein die Sorge für ſeine Pflege und das Amt des Trö⸗ ſtens und Ermuthigens überlaſſen.“—„Ich danke Ihnen!“ ſagte er einfach.
Die nächſten Tage vergingen der armen Bertha in der peinlichſten Auf⸗ rregung. Sie wagte mit keinem Menſchen, ſelbſt mit Paulinen nicht, über die Sache zu ſprechen, aus Furcht, irgend ein unbedachtes Wort von dieſer Seite anzuregen, was dem Flüchtigen, für deſſen Leben und Sicherheit ſie ſich verantwortlich fühlte, gefährlich werden könne. Dellitz brachte ihr ver⸗ ſchiedenemale Nachricht von dem Kranken, deſſen Zuſtand ſich allerdings beſſerte, ihn aber doch noch an's Lager gefeſſelt hielt; ſonſt ſah ſie ihn ſelten, denn er war häufig abweſend, und außerdem arbeitete und ſchrieb er viel in ſeinem Zimmer. Bertha konnte bemerken, daß er eifrig correſpondirte; das Sienſtmädchen wurde oft von ihm mit Briefen zur Poſt geſandt und andere liefen täglich unter ſeiner Adreſſe ein.
Eines Tages kam er zu ihr, als ſie allein im Wohnzimmer ſaß, und ſchon an ſeinem Geſicht ſah ſie, daß er ihr Gutes mitzutheilen hatte.„Freuen Sie ſich mit mir,“ ſagte er warm;„der liebe Gott hat wirklich geholfen! Der Prinzipal Ihres Pflegebruders iſt an ſeiner Wunde nicht geſtorben, ſondern bereits auf dem Wege der Beſſerung, und ſein Leben iſt nicht mehr gefährdet.“— Sie brach in Thränen aus und ihre Hände falteten ſich un⸗ willkürlich wie zum Gebet.„Und was wird nun mit Anton?“ fragte ſie


