Jahrgang 
3 (1867)
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20 Gott ſteuert die Bäume, daß ſie nicht in den Himmel wachſen.

Reime recitirt. Einige Knaben hatten Nüſſe mitgebracht, andere Aepfel, und fröhlich wurde zwiſchendurch geſchmaust. Auch Volkslieder ſang man gemeinſchaftlich und Fritz Koch begleitete den Geſang auf ſeiner Violine. Sobald jetzt aber die Thurmuhr neun ſchlug, hing er die Fidel an den Na⸗ gel.Nun zu Hauſe und zu Bett, daß ihr rothe Backen behaltet! Wer die Woche über fleißig geweſen iſt, der darf am nächſten Sonntag wieder kom⸗

men. Gute Nacht, gute Nacht!*

4.

Heranwachſende Knaben, zumal wenn ſolche lebhaften Temperamentes und aufgeweckten Geiſtes, ſind oft unbeſtändig in ihren Anſichten und Mei⸗ nungen über Sachen und Perſonen. Was ſie heute bewundern, iſt morgen ihnen gleichgültig, was ſie geſtern erſtrebten, kann ihnen heute vor den Fü⸗ ßen liegen und ſie nehmen es nicht auf. Nur wenige Wochen war Heinrich ein Zögling der Küſterſchule geweſen und ſchon bewunderte er den Herrn Cantor und ſeine Verſe gar nicht mehr, obſchon er vor beiden anfänglich einen ganz ungemeinen Reſpekt gehabt und ſich wohl gar abgemüht hatte, es dem gelehrten Herrn in letzteren nachzuthun. Fritz Koch dagegen war jetzt ganz und gar ſein Mann. Was der alte Geſelle that oder ſprach, war ihm recht und wichtig und gehaltvoll.

Die erſte Liebe iſt ein Köſtliches und ſie erhebt den Menſchen auf die Höhen des Lebens. Faſt mehr aber thut ſolches noch die erſte Verehrung, welche wir einer älteren Perſon unſeres eigenen Geſchlechtes entgegentra⸗ gen. Mit einer ſolchen Verehrung oder vielmehr durch ſie empfangen alle edlen Keime, welche in uns liegen, ihre Befruchtung, und laſſen raſch und fröhlich ihre Schoſſen aufwärts treiben. Selige Zeit, wo man mit Herz und Auge an den Lippen des Meiſters hängt! Was bis dahin im tiefſten Herzensſchrein ſorgfältig verborgen worden iſt, wird im ungemeſſenſten- Vertrauen vor ihm aufgeſchlagen, ihm zur Beurtheilung vorgelegt!

Heinrich war es heute angekündigt worden: er ſolle ein Schneider wer⸗ den.Ein Krüppel wie du, taugt zu nichts Anderem, hatte der Vater, welcher ſich kürzlich mit einer jungen Frau wieder verheirathet hatte, zu ihm geſagt. Furchtbar weh hatte dieſes Wort dem Knaben gethan. Schon im⸗ 1 mer hatte er einen Widerwillen gegen die Schneiderei gehegt; jetzt erfüllte die Idee, daß er ein Schneider werden ſolle, ihn mit Abſcheu. Ein Schnei⸗