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Von C. W. Stuhlmann. 21
der ſchien ihm ein verächtliches, lächerliches Weſen, und in ihm brannten Stolz und hohe Gedanken.—
Wie konnte ihm der Vater ſagen: er ſei ein Krüppel und tauge zu nichts Anderem, als zu einem verächtlichen Gewerbe! Hätte ihm das noch die Stiefmutter geſagt, aber der Vater— es war zu hart, es war zu grauſam! — Wild und phantaſtiſch ſchoß es dem Knaben durch's Gehirn. Er wollte fortlaufen nach Amerika, wo Freiheit und Gleichheit herrſchen. Er ſah ſich mit dem Schiffe ſcheitern, er rettete ſich auf eine wüſte Inſel und geſellte ſich zu Lama's und ſchwarzen Wilden, wie es einſt Robinſon auf ſeiner In⸗ ſel gethan. Aber auf der Robinſoninſel und in den Hinterwäldern Ameri⸗
ka's gab es keinen Fritz Koch.—„Gottlieb, Gottlieb! Wenn ich jetzt ihn
nicht hätte, machte ich ein Ende in dem Kram ſo oder ſo; entweder im ſchwar⸗ zen Soll, oder ich liefe, ſoweit mich meine Füße tragen,“ ſagte Heinrich zu ſeinem Jugendgefährten,— der verſtand ihn nicht.—
Bleiern ſchlichen die Wochentage dem Knaben hin; mit Jubel begrüßte er den Sonntag. Er ließ ſein Frühſtück unberührt und lief hinüber zu dem alten Geſellen. Er ſtürzte vor ihm nieder und umklammerte ſeine Kniee; er barg ſein Geſicht in des Alten Schooß und badete die Hände desſelben mit Thränen.— Fritz Koch zog ihn in die Höhe und an die Bruſt und ſchlang ihm den Arm feſt um den Nacken.„Heinrich, Herzjunge, was haſt du?“— Heinrich hatte zunächſt ein Seufzen, ein Schluchzen, ein krampfhaftes Um⸗ klammern.„Weßhalb bin ich ein Krüppel? Was habe ich vor Gott ver⸗ brochen, daß ich als ein Spott und eine Verachtung durch die Welt laufen muß?— Nein, es iſt nicht wahr, daß Gott alle Menſchen liebt; mich liebt er nicht!— Ich will ein Mann werden, ich will kein Weib ſein! Ich will ſchaffen in der Welt, wie es mir zukommt!“—
Fritz Koch verſtand nicht bloß mit dem Munde zu reden, ſondern auch durch Blicke, durch Hand und Arm, ja durch jedes Glied ſeines Körpers. Seine Lippen ſchwiegen, aber ſeine Augen und ſeine Hand und ſein Arm gaben Heinrich eine Antwort. Dieſelbe war voll Liebe und Mitgefühl, den⸗ noch lag ein ernſter Tadel über die vermeſſene Meiſterung des göttlichen Regimentes darin.—„Was ſoll ich denn aber thun?“ flehte der Knabe.— „Leben lernen, das heißt, dich zu beſcheiden wiſſen,“ erwiderte der Alte.—
Sanft und freundlich führte er dann aus, wie das Glück nicht außer uns, ſondern in uns liege, daß ein Jeder mehr oder minder es ſich ſchaffen könne. Wo in einem Menſchen eine ächte Kraft vorhanden ſei, da finde ſie


