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Von C. W. Stuhlmann. 15
Kreuz brachte ſeine Glaskugel in Ordnung und Gottlieb mußte jetzt Abends in der Schuſterei mithelfen.„Einen Abſatz und einen Reſter ſetzt der Junge ſchon eben ſo gut auf, als ein Geſelle,“ ſagte zuweilen der Meiſter Kreuz zu ſeinen Nachbarn.—„Soll der Gottlieb denn ein Schuhmacher werden.“ —„Ei, natürlich. Bei anderem Handwerk verlangen ſie noch Lehrgeld und hier verdient er mir ſofort, was er aufißt und obendrein noch die Kle⸗ dagen.“—
Außer der Schule ſahen Heinrich und Gottlieb ſich jetzt nicht allzuhäufig. Wohl hatte jener während der erſten Lichtzeit ſich hin und wider bei Kreuzens eingeführt und plaudernd der Arbeit ſeines Freundes zugeguckt, aber bald hatte die Hausfrau ihm einen Wink gegeben, ſich dort Licht und Wärme zu
ſuchen, wo man ihm ſeine Stiefeln mache. Nun trafen die Knaben ſich außer
der Schule faſt nur noch an Sonntagabenden beim alten Fritz Koch. Das war ein alter Stuhlmachergeſelle, der weit in der Welt, ſelber tief nach Ungarn, Frankreich und Italien hinein geweſen war. Obſchon in ſeinem Handwerk äußerſt geſchickt, hatte er es doch nicht zum Meiſterwerden ge⸗ bracht und jetzt ſtrebte er auch darnach gar nicht mehr. Seit einem Jahr arbeitete er hier in Klatſchberg bei einem alten Jugendbekannten, doch wohnte er nicht mehr im Hauſe des Meiſters, ſondern für ſich allein. Nie ging er zur Herberge, oder in andere Wirthshäuſer, auch verkehrte er an Sonn⸗ und Feiertagen nur mit der heranwachſenden Jugend, unter welcher Gottlieb und Heinrich ſeine Lieblinge waren. Sommers machte er mit den Knaben Spa⸗ ziertouren, oder er trieb auch wohl Spiele im Freien mit ihnen; jetzt ver⸗ ſammelte er ſie an Sonntagabenden bei ſich, in ſeinem kahlen, dürftigen Zimmer.
Trotzdem der Wind dem alten Burſchen nicht ſonderlich viel Gutes zu⸗ geblaſen hatte, war derſelbe doch nichts weniger als ein Murrkopf. Im Gegentheil, er war faſt immer munter und guter Dinge und zu jeglicher Kurzweil aufgelegt. Dabei wußte er tauſende von Liedern zu ſingen und zahlloſe kleine Schnurren und Geſchichtchen zu erzählen, welche faſt insge⸗ ſammt das Beſondere hatten, daß ihnen, obſchon ſie im Grunde komiſch waren, meiſt immer ein etwas wehmüthiger Beigeſchmack anklebte.
Als Gottlieb und Heinrich heute bei dem alten Freunde eintrafen, fan⸗ den ſie ihn bereits von einem Haufen von Knaben umgeben. In dem kleinen Wandkamine brannte ein helles Kienfeuer, welches neben einiger Wärme


